adieu, cliché – Erlebnisbericht meines Frankreichpraktikums

Reisen
Melina Sederl / 26.02.2019
Szene eines Straßencafés in Paris

Frankreich – in meinem Kopf entsteht bei diesem Wort ein Bild von einem eleganten Pariser Café, gut gekleideten Gästen, die ohne Hektik ihren Café au lait an der Seine genießen, dabei ein frisches Croissant bestellen und sich bedachtsam wieder ihrer Zeitung widmen. Die klischeebehaftete Zeichnung in meinem Kopf ist mit einem strahlend warmen Filter hinterlegt, der idyllische Anblick von unübertrefflicher Eleganz wird nur von einem etwas arrogant wirkenden Kellner getrübt, der hochmütig und mit französischem Stolz (man könnte auch sagen: unfreundlich) die Gäste bedient.

Mit diesem anmutigen und äußerst geschmackvollen Entwurf im Hinterkopf habe ich mir also mein Praktikum in Frankreich vorgestellt. Selbst die Naivsten unter uns können sich wohl denken, dass sich diese Vorstellung nicht zur Gänze bewahrheitet hat. Das Klischeebild des französischen Lebensstils weicht dann doch ein wenig ab von der in Frankreich gelebten Realität. Während viele KellnerInnen zwar ihrem Ruf gerecht wurden, hat sich das tägliche „vie française“ doch etwas anders herausgestellt.

Frankreich wird in Filmen und anderen Medien gerne als das Epizentrum der Eleganz und des Hochmuts dargestellt. Vielleicht mag das in Paris der Fall sein, im südfranzösischen Montauban kann davon aber eher nicht die Rede sein. Als stille Beobachterin (die Anzahl der sinnreichen Konversationen hielt sich durch meinen bescheidenen Wortschatz in Grenzen) würde ich die Menschen hier eher als ruhig, liebenswert und zuvorkommend beschreiben. Gleich bei meiner Ankunft, half mir ein entzückender älterer Mensch mit den Koffern, mehrere Kilometer zu Fuß in die Jugendherberge zu finden. Er brachte mich bis vor die Haustür der Herberge und half mir zudem, das Gepäck zu tragen. Tausend Mercis später trennten sich unsere Wege, doch die Selbstlosigkeit dieses Menschen werde ich immer positiv in Erinnerung behalten.

Trotz des herzlichen Empfangs wurde ich zu Beginn kurz einmal von Heimweh gepackt. Ich will nicht lügen: Ich war ein klein wenig überfordert mit der Situation, ganz allein in einem fremden Land zu sein und meine anfängliche Abenteuerlust ebbte bald ab, als ich merkte, dass ich mit meinen Sprachkenntnissen nur mäßig vorankomme. In solchen Momenten musste ich mir einfach vor Augen führen, wieso ich mich für den Auslandsaufenthalt entschieden habe: Ich wollte etwas Neues lernen – nicht nur aus Heften und vor dem PC pauken, sondern die Welt außerhalb der Schule kennenlernen, Sprachkenntnisse verbessern, als Person wachsen und Selbstständigkeit erlangen.

Schnell habe ich mich an die neue Situation gewöhnt, meinen Grundwortschatz gefestigt, mich mehr oder weniger erfolgreich an neuen Phrasen versucht, die mir die Verständigung erleichtert haben, und vor allem gelernt, mich auch ohne Worte zu verständigen. Ich habe aus dem Praktikum mitgenommen, dass Sprachbarrieren meist schnell überwunden werden und im Gegensatz zu charakterlichen Differenzen mit Humor beseitigt werden können. Versteht man in einem Satz kein einziges Wort, genügt immer noch ein freundliches, wenn auch leicht dümmlich wirkendes Lächeln und die Situation ist entschärft.

Es klingt wie eine abgedroschene Lüge, doch wenn man den ganzen Tag nur auf Französisch kommuniziert, beginnt man nach einer Zeit, in der Fremdsprache zu denken. Da ich nun schon etwas länger wieder zu Hause bin, frage ich mich zwar, welche Gedanken ich mit einem so eingeschränkten Wortschatz formuliert habe, jedoch flogen mir immer wieder französische Wörter durch den Kopf. Auch das anfänglich schwere Verständnis der schnellsprechenden Franzosen besserte sich mit der Zeit. Geblieben sind die unzähligen peinlichen Situationen, die ich in Frankreich aufgrund meiner Sprachkenntnisse erlebt habe – Es wundert mich nicht, dass das Wort Fauxpas ein französisches ist, denn oft musste ich mich für meine Wortwahl beziehungsweise mein mangelndes Verständnis in Grund und Boden schämen. Ich habe definitiv gelernt, dass es nicht immer empfehlenswert ist, auf jede Frage, die man nicht versteht, mit „Oui, oui“ zu antworten.

Wieder zu Hause, vermisst man das tägliche „Bonjour, ca va?“, das man jeden Morgen möglichst akzentfrei vor dem in Frankreich typischen Küsschen auf die linke und rechte Wange sagen möchte. Die kleinen Herausforderungen, die das tägliche Leben in Frankreich mit sich brachte und die ich letzten Endes doch gemeistert habe, haben mich Selbstvertrauen dazugewinnen lassen.

Ich kann jedem Schüler und jeder Schülerin nur ans Herz legen, die Chance zu nutzen, über den eigenen Schatten zu springen und den Schritt ins Ausland zu wagen, denn die Dinge, die man über andere Kulturen, Menschen und letzten Endes auch über sich selbst lernt, sind oft wertvoller für das zukünftige Leben, als der Lehrstoff, den man in der Zwischenzeit in der Schule verpasst.

Mein Bild von Frankreich hat sich seit dem Praktikum verändert, es ist weniger elegant, entspricht jedoch mehr der Realität. Statt den adretten Gästen im Café meiner Vorstellung, habe ich jetzt meine ArbeitskollegInnen, den zuvorkommenden älteren Herren, der mir bei meiner Ankunft geholfen hat und die Bäckerin, die extra langsam mit mir gesprochen hat, im Kopf. All diese Menschen entsprechen so gar nicht dem französischen Klischee und auch ich habe diese Vorstellung abgelegt und die Franzosen als bunt gemischtes Volk lieben gelernt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.05.2019 bearbeitet.

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