Angst. Ängster. Xenophob. Wenn sich Fremdenhass in Buchform materialisiert.

Politik
Fridolin Blasl / 17.04.2019

„Der Selbstmord Europas“, titelt das aufmerksamkeits-heischende Pamphlet vor mir am Tisch.  Der Historiker Douglas Murray verfasste es 2017. Unter ebenjenem Titel schweben drei bunt durcheinandergewürfelte Begriffe:                          Immigration, Identität und Islam. Passen gut zusammen.

Aber nur auf den ersten Blick, denn: Was versteckt sich hinter dieser aufgeblasenen Alliteration? Fremdenhass, Islamfeindlichkeit und Angst vor anderen Kulturen. Wie komme ich zu dieser populistischen Aussage? Nun, wenn man aufmerksam das Kapitel 6 über „Multikulturalismus“ liest, dann tun sich dem/der braven Bürger/in Abgründe auf. Ungeahnte Zuwanderungswellen, ganz unkontrolliert, schwappen auf gemeinste Weise über unsere Grenzen. Die „Umvolkungnaht. „Wir müssen unsere Kultur verteidigen, bevor uns gnadenlose Invasoren selbiger berauben.

Murray, von ähnlich xenophober Doktrin wie Thilo Sarrazin besessen, möchte der Leserschaft über 352 Seiten hinweg einzubläuen, dass der Islam, sein Feindbild Nummer 1, Europa zerstört und schadet, sowie, dass eine generelle Ablehnung genau dieser Entwicklung besteht. Warum aber steht Sarrazin im Titel dieses Artikels? Er hat mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ den Grundstein für Murray gelegt, machte schlichtweg den gedruckten Fremdenhass salonfähig und gießt jetzt mit dem neuesten Machwerk namens „Feindliche Übernahme“ noch mehr Öl ins Feuer der Fremdenfeindlichkeit.

 Nun ein kleiner Blick ins Buch: Auf Seite 13 macht Murray seinen Standpunkt gegenüber Flüchtlingen klar: „Wenn ich gegen Abend außerhalb eines Camps unterwegs war, tauchten Leute auf, die sich – milde ausgedrückt – nicht im Geiste der Großzügigkeit und Dankbarkeit unserem Kontinent näherten.“ (Murray reiste angeblich an verschiedene Orte, in Europa wo er sich in Flüchtlingslagern umsah.) Hier wird von der ultimativen und unumstößlichen Niedertracht der Flüchtenden ausgegangen. Ihnen wird nicht nur jegliches Recht auf menschliche Grundbedürfnisse abgesprochen, sondern vom kolonialistischem Herrscherpodest „Großzügigkeit und Dankbarkeit“  eingefordert. Aber es bleibt nicht bei einem Feindbild, Murray bedient eifrig den Antiislamismus.

Er geht mit seinem Bad-Religion-Framing[1] soweit, dass er Muslime/Musliminnen zum größten Feindbild Europas stilisiert. Dies alles verbirgt er unter der Fassade des „besorgten“ Bürgers. Sein Credo:

1. Mehrere Kulturen an einem Fleck sind nicht bereichernd, sondern sie verdrängen andere von dort.  Konkret arbeitet Murray zielstrebig an der Delegitimierung jeglicher Einwanderung. Nach dem Motto: Der „Multikulturalismus“ ist am Ende. Na, Gottseidank, wo kämen wir denn da sonst hin?

2. Islam=böse. Wer mehr über muslimische Gangs und ihr „kriminelles“ Bandenwesen in Frankreich erfahren möchte, der/die möge im Speziellen das Kapitel 8 („Unerhörte Propheten“) und davon Seite 155 genau lesen. Für den Action-Effekt kommt sogar eine Steinigung vor. Ja, da jauchzt der/die besorgte Bürger/in.

3. „Rassen gehören getrennt“. Stichwort(S.180, Kapitel 10 „Die Tyrannei der Schuld“): „Selbst wenn Australien in der Sünde geboren worden sein sollte, kann heute nichts mehr getan werden, um es zu ändern - außer vielleicht Jahrhunderte nach seiner Gründung seine Bürger nach Rassen zu sortieren und jenen, von denen man annimmt, sie seien Abkömmlinge der ersten Siedler, befehlen  ihr Vermögen jenen zu übergeben, die- nach eingehender genetischer Prüfung- als Abkömmlinge der indigenen Bevölkerung gelten können.“ Rückwirkende Rassenpolitik. Ist nicht neu, Chamberlain lässt grüßen.

Neben diesen drei Hauptthemen tauchen immer wieder wirre  „Argumentationsstränge“ auf: Murray zieht in die Aborigines-Debatte, die er offensichtlich  in mehrerlei Hinsicht nicht verstanden hat, Christoph Columbus und Amerikas „Entdeckung“[2] hinein. Auf Seite 181/182 zweifelt er offen an, dass Columbus Krankheit, Tod und Sklaverei über die UreinwohnerInnen Amerikas brachte. Murray arbeitet nicht nur auf dieser Seite wie ein fanatischer Priester mit dem Begriff Sünde. Amerika habe Sünden begangen und der Rassismus sei reines Produkt der Sklaverei. Zwei Zeilen weiter lobt er Präsident Clinton dafür, dass er sich 1998 bei einem Besuch in Uganda für die Sklaverei entschuldigte. Als wäre er ein Lausbub, der sich brav für seine Schlingeleien entschuldigt hätte. Dieses Buch  zeigt wie kein anderes, dass Rassismus und Xenophobie heute wieder äußerst salonfähig sind. Da könnte man’s mit der Angst kriegen.

 

[1] Framing= Begriff für einen gedanklichen Gestaltungsrahmen, Teil von Propaganda

[2] Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass Columbus Amerika eher besuchte, als eroberte und schon um 900 n.Chr. Wikinger/ Volksstämme über die Alejuten nach Amerika einwanderten, oder hinübersegelten.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 22.05.2019 bearbeitet.

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