Baba, Christine Nöstlinger!

Kultur & Events
Clara Tomschi / 16.07.2018
Christine Nöstlinger

„Ich halte den Tod für die größte Frechheit, die es überhaupt gibt“

-Christine Nöstlinger

Die Wiener Gemütlichkeit war nicht wirklich ihre Sache und die größte Frechheit auch nicht und doch hat diese uns die weltbekannte Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger im Alter von 81 Jahren genommen. Ich habe ihre Bücher geliebt, wahrscheinlich habe ich fast alle gelesen. Fast, denn es sind doch schon über 150 Werke, die Erwachsenenliteratur mitgezählt.

Mich fasziniert, wie beständig sie einen literarischen Kampf gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung, die einem vor allem als Kind widerfährt, führte und diese in ihren berühmten massenhaft verbreiteten Wischer-Briefen mit sehr viel Herz auf den Punkt brachte.

„Ich sitze da in meiner Stube und mache mir so meine Gedanken über das Verhalten von Altwischern ohne Nachwuchs zu Jungwischern.“

-Christine Nöstlinger

Durch jene sozialkritische Beobachtung der Realität und ihren wachen politischen Instinkt, welchen sie bis ins hohe Alter bewahrte, standen Kinder im Zentrum ihrer HeldInnengeschichten, in denen Erwachsene allenfalls Nebenrollen übernahmen und sich dabei jede erdenkliche Blöße geben durften. Mit dem Ansatz, Kindern ein Stückchen Welt zu erklären, half die Autorin Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen mit ihrem, für sie typischen, antiautoritärem Erziehungsstil und einer wachen, nachdenklichen und nicht zuletzt komischen Art hin zu einem besseren Leben. Ein Glücksfall war bereits „Die feuerrote Friederike“, Nöstlingers Debüt als Schriftstellerin, welches eher beiläufig 1970 auf dem Küchentisch entstand, während sie nach einem absolvierten Grafikstudium an der Hochschule für angewandte Kunst eigentlich nur ein anderes Buch illustrieren wollte. Mitte der 1970er-Jahre folgten „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, „Pfui Spinne!“, „Anna und die Wut“ oder „Der liebe Herr Teufel“, in denen sie in der kindlichen Alltagsperspektive erzählte und dabei Themen wie Scheidung, Mobbing oder Depressionen aufgriff. Christine Nöstlinger schrieb für eine Kindheit ohne Angst und genau aus diesem Grund wurden ihre Werke in über 20 Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt. Ihre autobiografischen Kindheitserinnerungen, „Maikäfer flieg!“, behandeln die letzten Monate des Krieges in Österreich. Im fortgeschrittenen Alter schrieb sie nur mehr zwanzig bis dreißig Stunden die Woche, da sie ihr Verständnis für die heutige Lebenswelt junger Menschen nicht mehr aufbringen konnte.

"Meine eigene Kindheit ist schon eine historische und die meiner eigenen Kinder auch schon bald. Es ist alles sehr, sehr anders geworden, und ich verstehe es nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich ein abfälliges Urteil über heutige Kinder hätte"

-Christine Nöstlinger

Mit Christine Nöstlinger verlieren wir eine Stimme für die Kinder und mit dieser auch eine Stimme für die Zukunft. Die Schriftstellerin wird uns fehlen, aber ihre Geschichten bleiben und werden uns trösten. Und ein Maikäfer wird auch in Zukunft wie in den 70er-Jahren herumfliegen und der Franz wandert fort in eine feuerrote Friederike-Welt.

 

Baba, liebe Kindheit!

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 17.01.2019 bearbeitet.

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