Das Kind in dir: Ferienjob im Kindergarten

Engagement
Lizanne Daniel / 22.08.2018
Kindergarten

Ende Juli. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und trete hinaus auf den heißen Asphalt. Die Mittagssonne brennt auf meine Schultern. Ich mache mich auf den Heimweg, gemeinsam mit meiner Erinnerung an vier Wochen Kindergarten. Mein Ferialjob diesen Sommer. Und während ich ein vorbeifahrendes Auto abwarte, denke ich, dass ich wohl zu den wenigen gehöre, die nach vier Arbeitswochen mit leisem Bedauern ihre Ferien beginnen. Ich überquere die Straße und erreiche endlich den Schatten der gegenüber liegenden Häuser.

Kindergärtnerin. Ich liebe diesen Job dafür, Vorbild und Beschützerin zu sein. Ich liebe ihn für seine so oft unterschätzte Relevanz in unserer Gesellschaft und für unsere Zukunft. Ganz besonders aber liebe ich ihn für all die Dinge, die uns unsere Kinder lehren – dafür, dass sie von Augenblick zu Augenblick leben, mit unkomplizierter Leichtigkeit verzeihen und uns jeden Tag aufs Neue daran erinnern, was wirklich zählt im Leben.

Nils sitzt mit finsterer Miene am Malplatz. Die Lippen hat er zu einem schmalen Strich aufeinander gepresst, sein sonst lebhafter und neugieriger Blick ist unter den düster zusammengezogenen Augenbrauen versteckt. So hockt er auf dem kleinen Stuhl und scheint sich vorgenommen zu haben, mit dem bösesten Gesicht, das ihm gelingt, ein großes Loch in das schneeweiße Zeichenblatt vor ihm zu brennen. Wenn sich Nils etwas vornimmt, dann ist er beharrlich. Und an diesem Morgen scheint ihn definitiv der Ehrgeiz gepackt zu haben. Die Mundwinkel noch ein bisschen tiefer. So. Zum Fürchten.

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Sophia hüpft herbei – natürlich nicht als Sophia, sondern als fliegendes Einhorn, aber solche Details interessieren Nils ohnehin nicht – und platziert sich selbst auf dem Stuhl neben ihm. Ihr fröhlich geträllertes „Guten Morgen, Nils“ ignoriert er selbstverständlich. Er ist schließlich in einer düsteren Mission. Sophia scheint das unglücklicherweise nicht sofort zu bemerken, und setzt für den Fall, dass Nils ihr Geträller nicht gehört haben könnte, vorsichtshalber ein „Ich male jetzt auch etwas“ nach. Gut, das reicht jetzt. Nils sieht sich gezwungen, mit einem genervten Seufzer sein Vorhaben für einen Moment zu unterbrechen. „Ich male nicht“, belehrt er sie. Sophia ist angesichts seiner unfreundlichen Antwort sichtlich verwirrt – doch nach kurzer Bedenkzeit wendet sie sich an mich und erklärt mit nachsichtiger Miene: „Nils ist heute nicht besonders glücklich.“ Sie hebt ihre kleinen Schultern: „Aber das macht nichts. Ich werde ihm etwas Schönes zeichnen.“ Sie strahlt vor Stolz über diesen gerissenen Einfall und dreht sich geduldig wieder zu Nils: „Was soll ich für dich zeichnen? Was möchtest du denn gerne?“ Nils schweigt. Doch das ist ihr nur recht. „Ich werde eine Sonne für dich malen.“ Schon tastet ihre Hand nach dem gelben Buntstift, da brummt Nils: „Ich will keine Sonne.“ Egal: „Dann eben eine Blume!“ Sophia führt die Spitze konzentriert über ihr Malblatt. Nils beobachtet sie eine Weile, dann erklärt er: „Ich will lieber Frösche.“ Sophia hält inne und starrt ihn skeptisch an als würde sie ernsthaft seine Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen. Das scheint Nils anzuspornen. Sein Gesicht hellt sich auf und lässt das schelmische Blitzen in seinen blauen Augen wieder erkennen. Er greift zum grünen Stift, um ihr zu beweisen, wie ernst er es meint. Sophia ist von der Idee nach wie vor nicht sonderlich angetan, doch ihre Freude darüber, dass Nils‘ Ärger verflogen scheint, überwiegt. Und als sie voller Euphorie ruft: „Ich male eine Sonne für deine Frösche!“, huscht sogar ein kleines Lächeln über Nils‘ Lippen.

„Am meisten schenkt, wer Freude schenkt.“

Mutter Teresa, Missionarin in Kalkutta

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Es ist kurz vor zwölf, die Sonne brennt vom Himmel. Ich sitze unter einem der großen alten Nussbäume und beobachte die Sandkiste. Lukas schaufelt gerade hochkonzentriert und im Schweiße seines Angesichts ein Loch in den aufgeheizten Sand. Tapfer trotzt er der Mittagshitze. Er ist so versunken in seine anstrengende sich selbst auferlegte Pflicht, dass er erschrocken zusammenfährt als Levin ihn heftig an der Schulter packt. Dass dieser dabei gleichzeitig aus voller Kehle „Pass auf!“ brüllt, macht die Situation für Lukas nicht gerade besser. Levin deutet auf das Loch vor ihnen und beide starren wie gebannt hinein, die Augen weit aufgerissen. Nach einigen Sekunden Schockstarre macht Lukas einen Satz nach hinten und reißt Levin mit. „Die Krokodile!“ „Schnell, wir müssen uns retten!“ Saha und Amina, die in der gegenüberliegenden Ecke gerade dabei waren als Meerjungfrauen einen Fischkuchen zu backen und eben noch über diverse Geheimzutaten fachsimpelten, sausen wie von der Tarantel gestochen zu den Jungen. Gerade noch rechtzeitig, Sekunden später hätte die Sache ein böses Ende genommen. Während ich noch mit einem teils belustigten teils faszinierten Lächeln auf Lukas‘ Loch schaue und versuche, meinen Weg in die Fantasie der Kinder zu bahnen, wirbeln die vier erneut herum. „Dort…“, flüstert Saha entsetzt und zeigt zur Schaukel. Ein Raunen geht durch die Runde und ich frage mich, was sie wohl sehen.

„Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.“

Hermann Hesse, deutscher Schriftsteller, Dichter und Maler

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Bauecke. Omar und Elias knien vor einem gewagten Gebilde aus buntem Duplo. Ich entnehme ihrem Gespräch, dass es sich dabei um eine halbfertige Burg handelt, die in absehbarer Zukunft von Rittern bewohnt werden soll. Elias erklärt mit unverkennbarer Expertise, dass da noch ein zweiter Turm fehle. Er greift routiniert zum gelben Baustein, doch bevor er ihn an der exakt richtigen Stelle platzieren kann, hat Omar ihm den Stein aus der Hand genommen. „Hier muss eine Brücke sein“, ermahnt er Elias mit einem Nachdruck, der keinen Widerspruch duldet. Dieser bemerkt den Unterton, rückt aber keinen Millimeter von seinem Standpunkt ab und hebt vorsorglich seine Stimme: „Gib‘ mir den Stein oder ich sag’s!“ Omar beschließt, diese Drohung nicht ernst zu nehmen und baut die Brücke. Elias‘ wiederholt seine Forderung – noch ein kleines bisschen lauter – und seine Gesichtsfarbe wechselt zu rötlichen Nuancen. Es ist nicht genau zu erkennen, ob ihn nun Omars stures Schweigen oder die Tatsache, dass jetzt eine Brücke die Burg vollendet, wo doch eigentlich ein Turm hingehört, zur Weißglut bringt. Jedenfalls hält er es nicht länger aus, springt auf und marschiert in meine Richtung. Gerade als er tief Luft holt, um mir die Ungerechtigkeit detailreich zu unterbreiten, holt ihn Omar ein und nimmt ihn bei der Hand. „Es tut mir leid, Elias“, beteuert er. Elias reißt sich los, verschränkt die Arme vor der Brust und starrt ihn wütend an. Er lässt ihn zappeln. „Hier ist der gelbe Stein.“ Eisernes Schweigen. „Wir können eine Brücke und einen Turm bauen!“ Elias Gesichtsausdruck wird weicher. „Elias, sind wir wieder Freunde?“ Da strahlt Elias übers ganze Gesicht, nimmt Omars Hand und erklärt feierlich: „Ja, wir sind Freunde“.

„Man soll niemandem etwas nachtragen. Wir haben alle schon genug zu schleppen.“

Johannes von Müller, Schweizer Geschichtsschreiber, Publizist und Staatsmann

Wir Erwachsenen, die wir unsere Kinder schützen, sie anleiten und ihnen Grenzen setzen, wir zögern nicht, uns jene Weisheiten unter die Haut zu stechen, sie als Instagram Hashtag und WhatsApp Status zu posten. Wir schmücken unseren Alltag mit tiefgreifenden Sätzen ohne ihre Bedeutung zu verstehen – geschweige denn sie zu leben. Es klafft diese Kluft der Gleichgültigkeit zwischen Ästhetik und Bedeutung.

Also lasst uns diese Worte zu Transparenten machen, sie hoch über unsere Köpfe halten und ihre Botschaft in die Welt hinaustragen – eine Welt, die sie doch so dringend braucht.

Für unsere Kinder. Und für das Kind in uns.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 15.10.2019 bearbeitet.

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