Das Problem mit der Zentralmatura

Wissen
Clara Porak / 04.06.2018
Bücher, lernen

Der jährliche Aufschrei erfolgt erneut. Die Zentralmatura ist zu schwer, die SchülerInnen, LehrerInnen und vor allem Eltern verzweifeln, das Format soll überarbeitet werden. Man sucht nach Lösungen, dabei hat keine dieser Beschwerden mit dem echten Problem zu tun. Das echte Problem ist Standardisierung. 

Das echte Problem begann als in Bologna beschlossen wurde, dass Bildung international vergleichbar sein soll. Damit hat etwas begonnen, dass ich zynisch den Krieg der Wirtschaft gegen die Bildung nennen könnte. 
In den Bildunsgwissenschaften gibt es einen Begriff, der auf jeder Schule stehen sollte: teaching to the test. Der Begriff meint eine Lehre, die nicht auf Inhalte, sondern auf das Bestehen eines Testformats abzielt und beschreibt mein Maturajahr. Man lernt ein Format, keine Inhalte, nicht das Was, sondern das Wie. In meinem Fall war das Multiple Choice. Das beherrsche ich jetzt. Offiziell sogar Sehr Gut. Ob meine Mathematikkenntnisse auch mit Eins zu benoten waren, sei dahingestellt. Scheint auch nicht mehr wichtig. 
Das hat mich damals bereits genervt, weil ich davor eine Erfahrung gemacht habe, die mir gezeigt hat, wie unterschiedlich Bildung sein kann. 
Ich war auf Auslandsjahr im Pilgerziel für StandardisierungsfanatikerInnen, dem heiligen England. 
Dort habe ich erlebt, wie ein hochstandardisiertes Bildungssystem funktioniert: Den ersten Test der Art, den auch ihr jetzt auch kennt, hatten meine MitschülerInnen mit zehn Jahren geschrieben. Auch der entschied schon über ihre Zukunft. 
Das Internat, in dem ich ein Jahr verbrachte, war eine unglaublich gute Schule. Alle Schülerinnen und Schüler kamen „aus gutem Haus“, waren höflich und manierlich. Ihre Eltern hatten Beträge mit absurd vielen Nullstellen in ihre Bildung investiert. Ein Preis, den zu zahlen es sich lohnt. Meine Schule war ein wunderbarer Ort voller Bücher, Harry-Potter-Referenzen und schicken Uniformen. Ich wurde unterstützt und ermutigt. Das draußen wurde unwichtig, was zählte war das, was in den Mauern dieser eigenen Welt passierte. Genau da liegt meine Kritik: In England wird man zum Student/zur Studentin erzogen, nicht zum Menschen, zum „guten/guter Bürger/Bürgerin“. Das ist effektiv und einfach, aber problematisch. Denn ich habe dort kaum eine Person kennengelernt, die noch nie im Flugzeug gesessen ist oder mit den Eltern schön essen war. Es gab keine Leute, deren Eltern keine Matura hatten. Wir waren ein Brei an Privilegierten und wurden immer gleicher. 

Ich habe viel gelernt in England und viele schöne Momente genossen. Meine LehrerInnen hatten Zeit für mich, der Unterricht war interessant und anspruchsvoll. Ich hatte keine Angst vor meinen Prüfungen und war keinen Tag überfordert oder überarbeitet. Ich habe die Vorzüge dieses elitäreren Systems gesehen und war dennoch froh, dass es zuhause anders ist. Nicht, dass Österreich auf seine soziale Gerechtigkeit stolz sein könnte. Auch hier bin ich Teil einer Elite, auch bei uns wird Bildung vererbt und nicht erworben. Aber wir können uns entscheiden, in eine andere Richtung zu steuern. Standardisierung schafft Ungleichheit. 

Eine Alternative dafür wäre mehr Vertrauen in das Kind, mehr Freiheit und Entwicklungsspielraum. Leider schaut es aber anders aus. Der Trend geht in eine Richtung, die für den Sieg der Wirtschaft über das Kind sorgt. 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.06.2019 bearbeitet.

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