„Des is a Liebeserklärung an mei Mama!“

Kultur & Events
Fabienne Gruber / 30.05.2018
Die beste aller Welten

Adrian Goiginger sitzt lässig auf der Erhöhung vor der ersten Sitzreihe des Kinosaals. Neben ihm lehnt sein Stiefvater Günter Goiginger und die beiden werden von mehr als 250 Augenpaaren gespannt beobachtet. Nach einer gratis Filmvorstellung des Spielfilms „Die Beste aller Welten“ im örtlichen Kino beginnt nun eine Podiumsdiskussion mit dem Regisseur des Filmes und dessen Stiefvater. Die beiden strahlen, bevor sie überhaupt zu Reden beginnen, eine Sympathie und Ehrlichkeit aus, sodass jeder im Raum sofort von ihnen in den Bann gezogen wird. Adrian beginnt mit den Worten: „Wissts, des soid koa Drogenfüm sei, sondan des is a Liebeserklärung an mei Mama, d`Helga!“ 

In seinem Film erzählt Adrian die Geschichte seiner Kindheit. Er erzählt, wie es war, inmitten Drogensüchtiger aufzuwachsen. Erzählt, wie es war, in einer Wohnung zu leben, in der Süchtige zusammenkamen, um sich den nächsten Schuss zu setzen, Alkohol zu konsumieren und Gras zu rauchen. Viele von uns denken sich vielleicht, seine Kindheit woa sicha im Oasch. (Zitat aus dem Film), doch Adrian lächelt bei dieser Frage und sagt, dass er mit seinen damals sieben Jahren, all das als normal empfunden hat. Es war normal, dass die Erwachsenen einschliefen unterm Reden, unterm Essen. Es war normal, dass sein Stiefvater, damaliger Freund Helgas, ständig am Schlafen war. Es war normal, dass fast keiner eine Arbeit hatte. 

Links von mir hebt eine Frau die Hand und fragt, ob sich die Szenen im Film in Wirklichkeit auch so zugetragen hatten. Adrian lacht und sagt, sie hätten einiges Untertreiben müssen. In Echt, war es viel schlimmer gewesen. Im Film gibt es eine Szene, in der Adrian seinen Geburtstag feiert und ein paar Freunde waren zu Besuch. Nach und nach werden die Kinder abgeholt, nur ein Elternpaar kommt noch in die Wohnung auf Kuchen und Kaffee. Zu Beginn sitzt nur Helga bei den beiden, doch bald schon kommen Helgas Freunde, die zuvor Drogen genommen haben. Die Eltern des einen Kinds merken, dass hier etwas nicht stimmt und verlassen kurzerhand die Wohnung. In Wirklichkeit, erzählt Adrian, war die Mutter des Kindes auf dem Weg zur Toilette, aber als sie die Tür zur Toilette öffnete, saß dort drin jemand, der sich gerade eine Spritze ansetzte. Die Szene durften wir nicht drehen, das hätte ansonsten zu arrangiert gewirkt, obwohl es sich damals so zugetragen hatte, erklärt uns der Regisseur. Einige Szenen mussten sie im Film anders wiedergeben; einige wurden untertreiben und auch einiges übertreiben.

Günter, der im Film Helga verlässt, als es einen Toten gibt, blieb in Wirklichkeit bei ihr und ließ sich verhaften. Dass Adrian Opium getrunken hatte, wurde hinzugefügt. Die Wohnung in Brand stecken zu können, hätte er auch ohne Gift geschafft, lacht Adrian ins Publikum. 

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Der Moderator, der die Diskussion leitet, fragt die beiden, wie sie trotz der vielen Auszeichnungen und Nominierungen nationaler und internationaler Preise noch so standhaft und am Boden der Tatsachen bleiben können. Ob es nicht vorprogrammiert wäre, sich mit dem Erfolg erheben zu lassen. Eine kurze Pause tritt ein, doch dann nimmt Adrian das Mikrofon, räuspert sich und sagt: „Des is einerseits oafoch für mei Mama, andererseits hob i durch die Zeit domois den Glauben an Gott gefunden. Deshalb bin i stondhoft, weil i den Film a gemacht hob, damit de Menschen sehen, wos Gott bewirken konn!“ Nun ist es Günter, der das Mikrofon ergreift. Er erzählt nun aus seiner Sicht. 
Mehr als 25 Jahre nahm Günter Drogen, Heroin ganz oben auf der Liste. Oft hatte er versucht aufzuhören, doch nie hatte er es aus eigener Kraft geschafft. „Wissts, wenn ma moi 25 Joah long H-süchtig is, donn will ma zwischendurch aufhören, owa es geht nid! Egal, wie sehr man des wü.“ Er sagt, erst durch den Glauben an Gott wäre er stark genug gewesen, um mit den Drogen aufhören zu können. Und seither ist er clean. Auf die Frage, wie es zu dem Glauben kam, erzählen die beiden von Peter, der im Film Berni heißt. Peter hatte damals einen Entzug in Spanien machen müssen, aus dem er völlig verändert nach Hause gekommen war. „Domois is da Peter zu uns kemma und hod uns erzählt, dass er jetzt an inneren Frieden hod und neama süchtig ist!“ Doch anstatt ihm zu glauben, schmiss Günter ihn aus der Wohnung. „Und jetzt, do glaub i genau des und i woaß, dass der Glaube an Jesus hilft!“ Günter strahlt übers ganze Gesicht. Die beiden erzählen noch von Helga, dass auch sie damals einen Entzug machen musste, jedoch nicht wie im Film in Spanien, sondern in Österreich. Helga machte den Entzug, um für ihren Sohn da sein zu können, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Adrian betont, dass, wenn all das nur ein paar Jahre später passiert wäre, er heute wahrscheinlich auch süchtig wäre oder vielleicht noch Schlimmeres. Damals, sagt er, war all das normal für ihn. Er wusste zwar was eine Sucht ist, doch wie schlimm es wirklich um seine Mutter und die andere stand, konnte er nicht begreifen. Viele der damaligen „Freunde“, die bei Adrians Mutter zu Hause Drogen genommen hatten, leben heute nicht mehr. Selbst einige von Adrians damaligen Schulfreunden seien heute drogensüchtig, sagt er leise. 

Und obwohl Adrian und Günter so viel Schlimmes erlebt haben, erzählen sie positiv und mit Freude aus ihren Leben. Nachdem Helga und Günter clean wurden, heirateten sie und bekamen noch zwei Kinder, bevor Helga 2012 an Krebs starb. Auch Adrian ist heute Ehemann und stolzer Papa einer zehnmonatigen Tochter. Günter arbeitet in Salzburg und hilft Drogensüchtigen einen Weg aus der Sucht zu finden. Er sagt, dass der Drogenkonsum in Salzburg keineswegs gesunken ist in den letzten Jahren. Eher wird es immer mehr und die Drogen, die heutzutage auf dem Markt verkauft werden, sind viel extremer und stärker. Aus diesem Grund will er, ein Mann, der jahrzehntelang süchtig war, Menschen helfen, denn er weiß, wovon er redet. 

Adrian hingegen wurde Abenteurer. „Mei Mama hat immer gsogt, i kann alles werden, was i will! Und deswegen bin i jetzt a Abenteurer!“ Mit dem Film „Die Beste aller Welten“ schaffte Adrian ein ganz besonderes Werk. Kein Werk zur Unterhaltung, sondern das Werk eines Kindes, das von der Liebe seiner Mutter erzählt und damit die ZuschauerInnen in die Herzen trifft. Besonders nahe macht den Film nicht nur, weil er in Österreich spielt, sondern auch, weil er im Salzburger Dialekt gesprochen wird. Und obwohl der Film schockierend nahe die Drogenszene schildert und in den ZuschauerInnen ein Schamgefühl hervorruft, kann man nicht wegsehen. Man kann nicht wegschauen von dieser Frau, die sich immer einsetzt für ihren Sohn; wegschauen von dem Jungen, der so viel durchmachte und trotz allem mit einem Lächeln weiterlebt. 

Am Ende der Diskussion stehe ich in der Schlange aller, die Adrian gratulieren möchten und ihm danken. Danken dafür, dass er dieses „Tabuthema“ anspricht und es doch schafft, die Liebe seiner Mutter in den Vordergrund zu rücken. Ich reiche Adrian und Günter die Hand und staune über diesen Jungen, mittlerweile jungen Mann, der ein fröhlicher und ehrlicher Abenteurer geworden ist! 
 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2019 bearbeitet.

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