Die Kurden kommen

Politik
Anonym / 04.12.2018
Kurden

„Geh dahin, wo du herkommst“. Diesen Satz musste ich mir als Frau mit Migrationshintergrund in Österreich sehr oft anhören. Als Kind habe ich noch relativ unbeholfen reagiert, je älter ich allerdings wurde, umso sicherer wurden meine Antworten. Bis ich nun mit 19 Jahren in einem Hörsaal sitze, in dem zwei Journalisten einen Vortrag über ihr neu erschienenes Buch halten. „Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ 

Ich bin Kurdin.

Spätestens als ich einmal von einer Kommilitonin gefragt wurde, was denn Kurdinnen sein, wusste ich, es ist an der Zeit für Aufklärung. Nicht nur nach außen, aber auch in meinem eigenen Kopf. Wenn den eigenen Vorfahren, den Menschen denen man sich zugehörig fühlt, kein Gesicht gegeben wird, wenn in den Medien nicht über sie gesprochen wird, wenn die eigene Muttersprache immer nur für einen Dialekt oder eine Abspaltung von Türkisch gehalten wird, wird die Frage nach der eigenen Identität eine lähmende.

Was sind Kurden überhaupt?

Woher kommen sie und wieso haben sie bis heute kein eigenes Land?

Mit einem türkischen Vater und einer kurdischen Mutter aufzuwachsen ist ein Widerspruch in sich. Die einen haben die anderen zerstört und tun dies immer noch. Beide Seiten in mir zu tragen, hat mich bisher nicht nur feindliche Blicke aus türkischen und kurdischen Communities gekostet. Ich musste mich entscheiden. Oder besser gesagt, es wurde über mich entschieden.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem die kurdische Sprache noch verboten war, als ich gelernt habe meine ersten Worte zu formen. Aus „Rojbas“ wurde „Merhaba“, und es dauerte nicht lange, bis ich mir abgewöhnt hatte, meine kurdischen Wurzeln zu erwähnen.

„(…) dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, sagte Heinrich Heine, und genau das ist passiert. Solange die kurdische Sprache verboten war, war es auch verboten, Bücher zu verfassen, zu verbreiten, Theaterstücke aufzuführen oder Filme auf Kurdisch zu drehen oder anzusehen. Die Legalisierung kam erst mit Recep Tayip Erdogan, und mit ihm auch der Faschismus. Koalitionsgespräche mit den Grauen Wölfen*, und die ständige mediale Hetze gegen Kurd*innen nehmen zu. Durch das herrschende Nachrichtenmonopol in der Türkei wird ein ganzes Volk immer wieder in Verbindung mit Terror und Gefahr gebracht. Kurdische Metropolen in der Türkei werden besetzt, kurdische Stützpunkte werden bombardiert. Demonstrationen für die Legalisierung der kurdischen Arbeiter*innenpartei PKK werden gewaltsam niedergeschlagen. Fast so, als würde alles getan werden, um ein ganzes Volk unsichtbar zu machen.

Der Wunsch nach Unabhängigkeit

Blicke ich zurück auf die Geschichte meiner Vorfahren ist sie ausschließlich von dem immer wiederkehrenden Drang und Kampf nach Unabhängigkeit, und dem Schmerz, sie nicht erlangt zu haben, gezeichnet. 1514 kämpfte das kurdische Volk an der Seite der Osmanen, um seine Autonomie im osmanischen Reich beibehalten zu dürfen. Diese autonome Struktur funktionierte bis ins 19. Jahrhundert, als der Gedanke eines unabhängigen Staates aufkam und die ersten Aufstände von Seiten der Osmanen blutig niedergeschlagen wurden. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde der kurdischen Bevölkerung unter Besatzung der europäischen Großmächte Selbstbestimmung erteilt, doch da Mustafa Kemal (Atatürk) mit dem europäischen Einflusses in den kurdischen Gebieten - und somit auch Teilen der Türkei nicht einverstanden war, vertrieb er diese mithilfe der Kurden. Mit dem Sieg gegen die Großmächte, verlor das kurdische Volk ohne jegliche Vorwarnungen den Anspruch auf Selbstbestimmung und kämpft bis zum heutigen Tag dafür.

Wir genießen hier in Österreich das Privileg für 20 Euro im Semester studieren zu dürfen. Wir haben durch das Internet freien Zugang zu dem gesamten Weltwissen binnen Sekunden. Ich denke, niemand hier kann sich wirklich vorstellen wie es ist, als Frau an der Front kämpfen zu müssen, statt Freitagnachmittag in der Bibliothek zu sitzen und zu lernen. Lernen ist ein Privileg, und weil wir dieses genießen dürfen, sind wir es jenen, die es nicht besitzen, schuldig, zumindest Kenntnis von ihrer Existenz zu haben.

Links:

Kurdische Geschichte im Überblick

Kurdisches Kerngebiet: Landkarte

* Bezeichnung für die türkische, rechtsextremistische „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP). Sie erreichte bei den letzten Parlamentswahlen 2018 unter dem Vorsitzenden Bahçeli 11,1%, und somit 49 Sitze im Parlament. 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2019 bearbeitet.

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