Die Stadt pulsiert: Zwischen dörflichem Flair und steigenden Mieten

Leben
Alina Hauke / 23.10.2018
Wien

Grün, lebendig, fröhlich – der siebte Wiener Gemeindebezirk. Ein Lokal reiht sich ans nächste, es riecht nach Essen. Das Publikum ist bunt gemischt, allseits herrscht freudiges Tun, die Stimmung ist entspannt. Neben schön sanierten Gebäuden und in engen Gassen mit Kopfsteinpflaster finden sich Menschen, die genießen, die den sonnigen Samstag zum Flanieren nutzen.

Dieses dörfliche, ja fast familiäre Flair, das macht den Bezirk aus, meint auch Sieglinde Benedikt. „Ich schätze vor allem die Nähe zur Innenstadt und die vielen Kunst- und Kulturangebote in der Umgebung“, sagt die Antiquitätenhändlerin mit grauem Lockenkopf. „Außerdem herrscht einfach eine so herzliche Atmosphäre, alle halten zusammen“. Trotz sonnengegerbtem, faltigen Gesicht wirkt sie viel jünger, als sie ist. Sieglinde lebt seit bereits 35 Jahren im siebten Bezirk, ihr Geschäftslokal hat sie in der Neustiftgasse. Finanziell wäre das für sie kein Problem, dennoch sieht sie auch eine Kehrseite ihres aufstrebenden Stadtteils: „Die Mieten sind heutzutage unbezahlbar. Meine eigenen Kinder können sich das nicht mehr leisten. Und dabei hat mein Sohn sogar auf einer Elite-Uni studiert“. Das Phänomen eines Bezirks, der immer weiter aufgewertet wird (mit horrenden Mietpreisen als Folge), führt zur Verdrängung der sogenannten „Subkultur“, die den Stadtteil erst attraktiv machte. Im Fachjargon heißt das „Gentrification“. Auch Sieglinde kennt den Begriff, die gefasste, kritische Frau spricht nun voll Emotion. „Das ist doch keine Aufwertung, das ist eher eine Zerstörung des sozialen Zusammenhalts durch das kapitalistische System“, sagt sie.

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Ähnlich sieht das „der Hannes ausm Zehnten“. Der Chef einer Räumungsfirma mit Drei-Tage-Bart und weißem T-Shirt steht lässig neben seinem weißen Kleinbus in einer engen Gasse mit Kopfsteinpflaster. Er kennt den Siebten seit den Neunzigern, damals galt der Bezirk noch als „stinkat“. Seitdem frequentiert Hannes ihn regelmäßig. „Meine Freundin wohnte damals in einer WG mit 150 Quadratmetern, es war ein ziemliches Loch. Die haben circa 700€ gezahlt. Jetzt ist eine Anwaltskanzlei drinnen“. Zu den hohen Mietpreisen von heute sagt er: „Das war eine ‚slow progression‘. Die junge, ärmliche Subkultur aus den Achtzigern wurde langsam verdrängt, jetzt ist der Siebte ein reicher Hipster-Bezirk“. Hannes nennt das „posh“. Er gestikuliert wild, spricht voll Leidenschaft. Letztere kann er vor allem für das „rote Wien“ kaum verbergen. „Seit den Zwanzigern konnte die Politik verhindern, dass es zu einer starken Segregation der Bevölkerung kommt“, sagt er. Er sieht die Veränderung von Stadtteilen und die damit verbundene Aufwertung als allgemeinen Trend, der Teil einer „pulsierenden Stadt“ ist. Voll Eifer sagt er: „Als Kind des Zehnten bin ich ja überzeugt, dass sich mein Bezirk in Zukunft auch stark wandeln wird, dass es auch dort zur Aufwertung kommen wird“. Der Reumannplatz sei prädestiniert, um bald von Hipstern eingenommen zu werden. Selbstbewusst und aufgeweckt, schließt Hannes mit den weißen Sneakern das Gespräch mit: „Siehst, ich weiß alles!“.

Als Bezirk im Wandel gilt auch der 15. Wiener Gemeindebezirk. Hier, außerhalb des Gürtels, herrscht eine ganz andere und doch irgendwie ähnliche Atmosphäre: laut, belebt, bunt, aber auch unruhig. Der Verkehr brummt und die Straßenbahn bimmelt, die Häuser sind schlicht. Nicht ganz so in der Reindorfgasse, dem Hipster-Schmelztiegel des Bezirks. Hier finden sich hippe Lokale, moderne Co-Working Spaces und „fair fashion“-Geschäfte. Die Atmosphäre ist gemütlich.  

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Die Grätzlbuchhandlung „Buchcafé Mélange“ von Romana Ledl gibt es hier seit eineinhalb Jahren. Das Angebot an Kaffee und Kuchen sowie der himmlische Duft laden zum Bleiben ein. Romana, die unter anderem lange im Literaturhaus Wien gearbeitet hat, trägt eine blaue Bluse und hat dunkle Haare. Sie wählte den Standort ihrer Buchhandlung bewusst: „Der Bezirk ist sehr international, offen und es ist immer was los. Das kenne ich noch aus der Zeit, als ich selbst im 15. gewohnt habe“. Neben Büchern gibt es auch kleine Geschenke, Glückwunschkarten und diverse Flyer, Kärtchen und Sticker von anderen Geschäften und Lokalen im Grätzl. Ihr Angebot umfasst neben deutschsprachigen Büchern auch welche in bosnischer, kroatischer, serbischer und türkischer Sprache. „Die Menschen sind total froh, nicht mehr zwangsläufig im Internet bestellen, beziehungsweise zum Thalia auf der Mariahilfer Straße gehen zu müssen. Bei mir kann man ja alles bestellen und die Ware ein paar Tage später abholen“, sagt sie. „Außerdem kosten Bücher durch die Buchpreisbindung sowieso überall gleichviel“. Ihre grünen Ohrringe klimpern, während sie zuerst zögerlich, dann mit immer mehr Begeisterung erzählt. „Am 15. schätze ich die bunte Mischung, die gute Infrastruktur und die leistbaren Mieten“, sagt sie. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges verändert hat, sich „viel tut“, meint Romana dennoch bestimmt, dass oft zu schnell von „Gentrification“ gesprochen wird. „Früher hat es hier in der Gegend viel mehr Leerstände gegeben, jetzt sind halt wieder neue Geschäfte eingezogen. Aber es gibt und gab solche Phasen immer wieder. Alles passiert in Wellen. Die Reindorfgasse war in den 80er Jahren eine florierende Einkaufsstraße, sie wurde „kleine Mariahilfer Straße“ genannt. Dann haben immer mehr Geschäfte zugemacht und es gab viel Leerstand. Leerstand schreckt manche ab, andere sehen es als Möglichkeit für Neues. Diese PionierInnen wie zum Beispiel „Urban Tools“ haben das Potential gesehen und den ersten neuen Shop eröffnet. Das macht einen Standort dann wieder attraktiver. Es kann sich immer wieder ändern“. Die Mieten seien noch leistbar. „Wie sich das zukünftig ändern wird, weiß ich nicht. Aber ich denke nicht, dass der 15. mit dem Siebten vergleichbar ist“. Genauso wie Sieglinde aus Wiens Hipster-Bezirk schätzt aber auch Romana das dörfliche Flair in der Reindorfgasse. „Hier im Grätzl arbeiten wir alle zusammen, nicht gegeneinander“, sagt sie und lächelt.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.04.2019 bearbeitet.

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