To Do: Innehalten

Leben
Melina Sederl / 20.02.2019
gelber Klebezettel mit der Aufschrift To Do: Innehalten

Gedanken im Kampf gegen den ständigen Vergleich

Wir leben in einer Welt, in der alles gemessen, aufgezeichnet und verglichen wird. Wir messen uns mit Prüfungsergebnissen, tracken gelaufene Kilometer und verbrannte Kalorien, vergleichen Followerzahlen und Likes. Immer sind wir beschäftigt, wir rennen unserem Leben hinterher, um noch mehr Bestwerte zu erreichen. Wer mehr hat, der gewinnt. Wer mehr leistet, ist stärker. Wir definieren uns über Zahlen, sei es in Geld, Gewicht, Noten oder unserem Alter und streben nach dem Überdurchschnittlichen.

Was zeichnet unser Leben neben all diesen Nummern überhaupt noch aus? Ich stelle mir diese Frage, weil ich selbst nicht von der Masse abweiche, weil ich gegen meinen Willen kaum noch dazu im Stande bin, meinen Selbstwert zu definieren, ohne mich mit anderen zu vergleichen.

Nichts zu tun und einfach innezuhalten fällt mir schwer. Ich möchte jede Sekunde meines Lebens bestmöglich nutzen, aus jeder Sekunde das Beste schöpfen und wenn ich arbeite, möchte ich Ergebnisse erzielen, die meinen Ehrgeiz und meine Lebenszeit wert waren. Ich mache mir zu viele Gedanken und je mehr ich plane, denke und philosophiere, desto mehr Chaos entsteht in meinem Kopf. Lassen sich Wirren im Kopf durch Nachdenken beseitigen oder entstehen sie erst dadurch? Abschalten wird immer schwerer und Ruhe findet man bestenfalls beim Schlafen, was wiederum ebenfalls getrackt wird, um über Tiefschlafphasen und die verträumte Zeit bestmöglich Bescheid zu wissen.

Als perfektionistischer Mensch fallen meinem Kopf bei jeder ungenützten freien Sekunde tausend verschiedene Tätigkeiten, die ich in der Zwischenzeit machen könnte, ein. Es scheint mir, als hätten ich und viele andere Menschen das Abschalten verlernt und den Empfangsmodus ständig eingeschalten. Die To Do-Liste wird immer länger, doch „Innehalten“ findet sich nicht darauf. Was also tun gegen die lästige Stimme, die einen ständig an ausständige Arbeit erinnert und leise flüstert, wenn man auf der Suche nach Ruhe ist? Vielleicht sollten wir öfter auf unser Bauchgefühl hören, vielleicht gehört aber auch auf jede To Do-Liste mindestens ein Punkt, der „sich selbst glücklich machen“ oder auch „Zeit für mich“ genannt werden kann. Wird noch so viel Raum im Kopf von anderen Dingen reserviert, sollte immer noch ein Fleckchen für Freunde und Freundinnen, Familie und die Dinge, die man leidenschaftlich gerne macht, frei bleiben, denn dies sind die Dinge, durch die sich persönliches Glück und Reichtum definieren lässt.

Wir müssen lernen, stolz auf unsere Errungenschaften und Erfahrungen zu sein, ohne uns zu vergleichen, zu prahlen und andere in ihrem eigenen Tun dadurch zu demotivieren. Der ständige Vergleich mit anderen wirkt wie Gift auf unseren Selbstwert und lässt unser Leben in allen Facetten unterdurchschnittlich scheinen. Wir vergessen dabei aber, dass wir mehr sind als all die Zahlen, die uns umgeben. Dass unser Leben so kostbar ist, dass wir es nicht in Zahlen messen können und dass wir daher gar nicht dazu imstande sind über- oder unterdurchschnittlich gut zu leben, da jedes Leben für sich so unendlich viel wert ist.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 15.07.2019 bearbeitet.

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