Große Schwester, kleine Schwester - (fast) eine Weihnachtsgeschichte

Leben
Lizanne Daniel / 19.12.2018

24.12.2006

Langsam verwischende Konturen, verebbende Geräusche. Die Traumbilder verblassen bis mich nur noch vertraute Stille und meine Bettdecke umfangen. Noch bevor ich meine Augen öffne fällt es mir ein, und ein kleiner Schwall Adrenalin sprudelt in meinen Bauch, schwappt über und nimmt meinen ganzen Körper ein. Alles kribbelt. Ich kenne dieses Kribbeln – es ist das Weihnachtskribbeln, und ich habe es immer, wenn ich am 24. aufwache. Und manchmal, da habe ich es auch an meinem Geburtstag.

Immer noch mit geschlossenen Augen strecke ich mich bis meine Fingerspitzen den Vorhang erreichen. Jetzt blinzle ich vorsichtig durch den Spalt und lasse mich gleich wieder enttäuscht ins Kissen sinken. Statt winterweißer Watte starren mich da draußen kahle Bäume und gelb gefärbte Wiese aus dem Morgendunst an und scheinen zu flüstern: Ätsch, Schlafmütze!

Ich höre eine Tür und dann hüpfende, fröhliche, ungeduldige Schritte. Keine zwei Sekunden später steht meine kleine Schwester im Zimmer. Die Erwachsenen sagen oft, dass wir uns ähnlich sehen (und dass wir schon wieder so groß geworden sind) und das liegt wohl vor allem an unseren Augen, die exakt den gleichen Grünton haben. Aber morgens, da ähneln sich unsere Augen nicht, das war schon immer so. Johannas sind groß, munter, neugierig. Meine sind verschlafen, trüb und meistens ein bisschen missmutig (nur bis nach dem Frühstück, ehrlich!). Jedenfalls muss ich jetzt gerade wieder daran denken, als sie - viel zu laut für diese Tageszeit - ruft: „Kein Schnee!“ Und gleich darauf: „Wurscht, das Christkind kommt trotzdem.“ Das ist noch so ein Unterschied zwischen uns beiden: Johanna ist pragmatisch – an Weihnachten gibt’s Kekse und Geschenke und alles glitzert und ist ein bisschen geheimnisvoller als sonst. Ich hingegen bin der Meinung, dass Weihnachten ohne verschneiten Apfelbaum im Garten einen wesentlichen Teil seines Zaubers einbüßt. Das hebt die Morgenmuffelstimmung nun erst mal nicht sonderlich, aber Johanna ignoriert das, wie sie es immer tut. „Los, mach‘ das letzte Türchen auf!“ Da ist es plötzlich wieder, das Kribbeln, und jetzt hat er mich wieder in seinem Bann, der Weihnachtsmorgen. Ich hüpfe aus dem Bett, nehme meine Schwester an der Hand, und gemeinsam laufen wir zum Adventskalender.

Die Minuten haben an Weihnachten immer ein paar Sekunden mehr als an anderen Tagen. Johanna und ich schleichen vor der Wohnzimmertür auf und ab, deren Verglasung mit Papier zugeklebt ist. Dahinter rumort es geheimnisvoll und Johanna wispert mir aufgeregt ins Ohr: „Ich hör‘ den Papa!“ und ich wispere ebenso aufgeregt zurück „Nein, das ist das Christkind!“ – sorgfältig darum bemüht aufgrund der Ermangelung an Schnee, den Zauber nun anderweitig aufrechtzuerhalten. Bei meiner kleinen Schwester hingegen schlägt auch hier der Pragmatismus durch.

Später in der Kirche rutschen wir ungeduldig nebeneinander auf den kalten Holzbänken hin und her und sind wohl beide nicht ganz aufmerksam. Manchmal flüstern wir, eigentlich nur ganz leise, aber leider wird es meistens irgendwann so witzig, dass wir beide losprusten und wenn das erst einmal so ist, dann helfen auch die tadelnden Blicke unserer Eltern nicht. Die restliche Messe über können wir uns in der Regel nicht mehr anschauen, weil sonst der Lachkrampf von vorne losgeht.

Zurück daheim rasen Johanna und ich die Treppe hoch ins Badezimmer, denn zwischen uns besteht eine Abmachung: Wer als erstes sein Handtuch über den Badewannenrand wirft, der darf als erstes baden – was natürlich nach der kalten Weihnachtsmesse sehr erstrebenswert ist. Meistens geht die Sache aber nicht ganz eindeutig aus und wir müssen uns mit Schere, Stein, Papier behelfen. Mit einem „Aber beeil‘ dich!“ verzieht sich schließlich eine von uns bibbernd in ihr Zimmer.

An Weihnachten gibt es bei uns immer Suppe und danach Kekse und eine Weihnachtsgeschichte. Das ist jener Zeitpunkt des Abends, an dem es Johanna und ich schon kaum mehr aushalten und wir daher – jede für sich – in tiefer Konzentration versinken, die eigene Ungeduld zu bändigen. Unsere Mühe wird schließlich mit dem Glöckchen belohnt und wir dürfen ins Wohnzimmer. Das Christkind müssen wir wohl auch dieses Jahr wieder ganz knapp versäumt haben.

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Ich kann mich nicht an den Moment erinnern, als ich meine Schwester zum ersten Mal im Arm hielt. Aber ich kenne das Foto und meine Fantasie macht daraus etwas, das man nicht beschreiben kann, nur fühlen. Ich bin heute, viele Jahre später, die Kameralinse von damals, die den Blick einer Vierjährigen einfängt aus großen runden Augen vor dem sterilen Weiß der Krankenhauswände. Ein Blick, der schwer beladen ist mit Stolz, Neugierde und Skepsis. Ihr Lächeln dagegen ist umso leichter, wie flüchtig aufgepinselt, unsicher und ein bisschen verwirrt. Ihre Umarmung aber, die ist fest, entschlossen und ein lebenslanges Versprechen an dieses Baby, es immer und bedingungslos zu lieben, jedes gemeinsame Geheimnis zu hüten und es in diesem ersten Augenblick zur Freundin und Verbündeten zu erklären. Es ist ein verschwörerisches Augenzwinkern, das die Kamera da einfängt - für den Moment nur der Bruchteil einer Sekunde, doch für die Ewigkeit ein ganzes Leben.

Schwester zu sein gehört zu jenen Dingen, die man selbst erfahren muss, um zu verstehen. Ich übe jetzt seit sechzehn Jahren und bin nicht sicher, ob ich es jemals wirklich beherrschen werde. Aber vermutlich gehört es auch nicht zu jenen Fähigkeiten, die man mühsam erlernt oder mit Stolz Charakterstärke nennt, die man in den Lebenslauf schreibt, versucht beim ersten Treffen auf dem Silbertablett zu präsentieren und nach denen man Partner, Job und Haustier wählt. Es ist etwas, das zwei Menschen jeden Tag aufs Neue fordert und mit jedem Mal seine Einzigartigkeit beweist. Es ist ein kleines Lagerfeuer, das für die Dauer einer Generation zwischen uns brennt, versengend und tröstend, jedenfalls aber verlässlich. Selbst dann, wenn es nichts weiter tun kann, als einfach da zu sein und still zu flackern. Schwester zu sein, das ist verdammt schwer und das Schönste der Welt.

Diese Geschichte ist für dich, Jo, und alle Menschen da draußen, die als Schwester oder Bruder jeden Tag in ihrem eigenen Lagerfeuer Holz nachlegen, sich daran wärmen und die Luft zum Flimmern bringen.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 17.01.2019 bearbeitet.

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