Hands up!

Kultur & Events
Maren Michl / 21.02.2019
Eintrittskarte zur Ausstellung

Wie spricht man über etwas, dass man nicht hören kann, beschreibt man etwas, dass man sehen muss? Eine Freundin von mir wollte ins Hands up in Wien. Das ist eine Ausstellung über das Leben in Stille - obwohl die Ausstellung selbst ganz und gar nicht leise ist. Aber dazu später mehr.

Im Untergeschoss in einem Kellergewölbe warteten wir auf den Rest unserer Gruppe. Zuerst gab es Ohrstöpsel in bunten Farben. Die Gruppe wurde zu einem fröhlichen durcheinander aus „Gibt es grün? Hast du grün? Ich will grün!“ und „Hörst du mich? HAAALLOO? Ich hör dich nicht“, aber auch mit den Ohrstöpseln konnte man sich noch verbal unterhalten. Also erstmal auf die leichte Schulter genommen und mit dem Guide ab in die Ausstellung.

Oh. Da waren dann recht massive Kopfhörer. Ausstaffiert wie unpassend gekleidete BauarbeiterInnen zu sein fanden wir wieder witzig, mit dem Hören war es ab diesem Moment aber ganz klar vorbei. Man tauschte schon vereinzelte Blicke aus, wie soll man eine Ausstellung verstehen bei der einem niemand etwas darüber erzählt?

Doch es gab jemanden – Ido, unser Guide, erzählte uns viel in der nächsten Stunde, nur nicht mit Worten. Und wundersamer Weise verstanden wir. Teilweise durch Lippenlesen oder ganz klare Gesten, Menschen verstehen sich lautlos, faszinierend.

Zu Beginn lernten wir ein paar einfache Gebärden, Ido zeigte auf ein Wort an der Wand und machte eine Geste dazu. „Mimik“ und „Körpersprache“. Dann sollten wir raten: Welche Gebärde könnte Fußballspielen bedeuten? Oder Angeln? Wir hatten wirklich kreative Ansätze, die aber mehr mit Pantomime spielen zu tun hatten, die Gebärdensprache selbst spielt sich nur im Bereich des Oberkörpers ab. Um Fußball zu erklären darf man leider nicht wahllos herumtreten. Als nächstes drehte unser Guide den Spieß um und wir mussten seine Gebärden erraten.

Na wer hätte es gewusst? Schildkröte. Das wars jetzt aber mit den Spielen, ich will euch nicht die ganze Führung spoilern.

Weiter ging es nachdem die anfängliche Scheu überwunden war mit ernsteren Themen. Gehörlose Personen bemerken keinen Sirenenalarm, hören kein Babyphon, können nicht durch einen Ruf gewarnt werden. Mit Lichtern oder durch Vibration werden diese Situationen entschärft, aber auch für Alltägliches wie die Haustürklingel oder den Wecker müssen Änderungen vorgenommen werden, die teuer sind. Das Leben als Gehörlose/r ist nicht billig, ein Übersetzter, den man für Behördengänge oder andere Situationen braucht, verlangt rund 70 Euro pro Stunde. Telefonate sind nicht möglich, weder mit FreundInnen, noch mit Polizei oder Rettung. Wir lernten noch ein paar Gebärden: „Blut“, „Herz“ „Brauchst du Hilfe?“.

Die Gebärdensprache bringt aber auch Vorteile für ihre vielen NutzerInnen. Sie können sich durch Glaswände hindurch unterhalten oder an Orten wo es sehr laut ist, wie in der Disco. Apropos Disco: zum Schluss spürten wir noch, wie Gehörlose Musik wahrnehmen. Ido ließ uns klassische von modernen Stücken unterscheiden, Pop oder Rock.

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Der Weg zum Ausgang führte an einer Wand zur Geschichte der Gehörlosengemeinschaft vorbei. Dort stand, dass sie nicht als „taubstumm“ bezeichnet werden, ein Begriff der im 18. Jahrhundert verwendet wurde, und inzwischen einer Beleidigung gleichkommt. Alle wichtigen Meilensteine sind aufgeführt, die ersten Gebärdensprachschulen und Anerkennungen, auch Wissenswertes, wie etwa, dass es mehrere verschiedene Gebärdensprachen gibt.

Doch da hatten wir uns schon von unserem Guide verabschiedet, mit einem „Danke“ und vielen Gebärden im Handgepäck.

So lustig und interessant die Tour auch war - ohne Ohrstöpsel fühlt man sich nach einer Stunde Stille vom Wiener Verkehr persönlich angegriffen.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.05.2019 bearbeitet.

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