Ich hatte Angst, dass beim Wort „homosexuell“ alle mich anstarren.

Engagement
Clara Porak / 03.06.2017
(c) Michael Buchinger

von Clara Porak

Ich treffe Michael Buchinger in einem kleinen Café im siebten Wiener Gemeindebezirk. Der 24-jährige Blogger, YouTuber und Autor eines bald erscheinenden Buches unterstützt den Life Ball Next Generation. Bei einer Melange erzählt er von seiner Jugend, seiner sexuellen Identität und davon, was ihn am Life Ball begeistert.

Michael Buchinger: Ich habe mir den Großteil meines heutigen Wissens zum Thema selbst angeeignet und würde mir daher wünschen, dass es mehr an Schulen unterrichtet wird. Als wir aufgeklärt wurden, war das merkwürdig und beschämend. Ich hatte das Gefühl, nicht mal mein Biologielehrer sollte wirklich über das Thema reden, geschweige denn die SchülerInnen.
Ganz anders war das als ich am Montag bei einem Workshop des Vereins „Jugend gegen Aids“ zu Gast sein durfte- ich glaube dort habe ich in zwei Stunden mehr gelernt als in der Schule. Dabei wurden Jugendliche zu Peers ausgebildet, um ihre MitschülerInnen in Zukunft aufzuklären. Natürlich ist es sehr schwierig dabei ein angenehmes Klima bei pubertierenden Jugendlichen zu schaffen, aber auch darauf wurden die zukünftigen Peers vorbereitet.

YR: Was ist für dich als schwuler Mann besonders wichtig an Aufklärung? Was sind deine Erfahrungen?

Michael Buchinger: Natürlich sollte Sexualität und Homosexualität thematisiert werden. Eigentlich sind meine Erfahrungen dahingehend sehr positiv. Ich erinnere mich, ich hatte Angst, dass bei dem Wort „homosexuell“ alle mich ansehen – so war es aber gar nicht. Überhaupt war unser Biologielehrer sehr liberal und offen in Bezug auf sexuelle Orientierung. Das Problem waren eher die Äußerungen anderer LehrerInnen, die oft ganz beiläufig geschahen. Es wurden dann zum Beispiel homophobe Witze gemacht… Ich würde mir wünschen, dass es so eine Art Codex unter LehrerInnen gibt, der solche Sprüche verbietet. Außerdem sollte man den SchülerInnen nicht sagen, dass es eine Norm gibt und es aber okay ist sich davon abweichend zu verhalten,  sondern dass Sexualität ein Spektrum ist.

YR: Warst du schon mal am „großen“ Life Ball? Was gefällt dir daran?

Michael Buchinger: Nein, bis jetzt war ich noch nicht am Life Ball, aber wahrscheinlich gehe ich dieses Jahr – ich weiß nur noch nicht, was ich anziehen soll… Ich finde es ist eine gute Idee durch eine Party Bewusstsein für ein wichtiges Thema wie HIV zu schaffen. Ich glaube trotz der Extravaganz des Events geht der eigentliche Gedanke nicht verloren. Im Gegenteil: Manchmal muss man die Leute mit etwas Schönem auf etwas, das nicht so schön, aber wichtig ist, aufmerksam machen. Besonders toll finde ich, dass es jetzt auch den Life Ball Next Generation gibt und ich daran teilnehmen darf. So können sich auch junge Leute mit dem Thema vertraut machen. Die fühlen sich vielleicht eingeschüchtert vom „echten“ Life Ball.

YR: Glaubst du Homosexuelle müssen sich noch verstecken?

Michael Buchinger: In Österreich eigentlich nicht, nein. In Wien kommt es wirklich nicht oft vor, dass man als schwuler Mann, der sich öffentlich zeigt, beschimpft oder bedroht wird. Trotzdem kenne ich aber zum Beispiel nicht viele Homosexuelle, die gerne in „normale“ Clubs gehen, man kennt da so Horrorgeschichten von Leuten, die verprügelt werden und riskiert lieber nichts.

YR: Hattest du je Angst dich öffentlich zu zeigen?

Michael Buchinger: Mein Freund ist in der Beziehung mutiger als ich, er hat da eine gewisse Selbstverständlichkeit. Am Anfang als ich da noch mehr Hemmungen hatte, hat er mich zum Beispiel beim Spazierengehen in Schönbrunn an der Hand genommen – als wäre das das Normalste auf der Welt…
Ich bin mehr geprägt von meinem Dorf. Es war oft schwierig für mich, weil ich mich sehr anders gefühlt habe. Aber ich glaube grundsätzlich ist ja jeder irgendwo anders, und durch das Internet ist es heute viel einfacher für Jugendliche Menschen zu finden, die ähnliche Interessen haben, auch wenn sie sich in ihrer Umgebung als Außenseiter fühlen. Ich zum Beispiel galt mit sechzehn als super eigenartig, weil ich Youtuber war, heute gibt es 60 YouTuber unter 300 SchülerInnen an meiner ehemaligen Schule.

 

Lust auf mehr bekommen? In diesem Video erzählt Michael von seinem Coming Out:
Meine Coming Out Story | Michael Buchinger

Der Life Ball „Next Generation“ findet übrigens am 11. Juni 2017 im Wiener Rathaus statt:
Life Ball Next Generation

Infos zum Verein „Jugend gegen Aids“ gibt es hier:
Jugend gegen Aids e.V.

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 15.10.2019 bearbeitet.

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