Laufen können/dürfen/wollen

Engagement
Isabell Aigner / 06.06.2017
Gruppenbild der Laufenden

von Isabell Aigner

Der Preis ist nicht nur heiß, sondern auch verdammt hoch. Unbezahlbar eigentlich und gleichzeitig selbstverständlich. Oder nicht?
Laufen. Laufen können. Laufen dürfen. Laufen wollen. Für mich und für alle, die es selbst nicht können.
Unter diesem Motto starten am Sonntag, dem 7.Mai 2017, 155.288 registrierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer in 58 verschiedenen Ländern zur selben Zeit und mit dem gleichen Ziel: Querschnittslähmung heilbar machen.
Das Besondere an diesem Lauf: es gibt keine festgelegte Ziellinie – man läuft so lange, bis man vom Catcher Car eingeholt wird. 100% der Startgelder fließen in die Rückenmarksforschung. Und wir laufen alle gemeinsam. Die einen mit zwei Beinen, die anderen mit vier Rädern, im Rollstuhl.

Bevor ich vom Wiener Rathausplatz losstarte, treffe ich meinen Teamcaptain, Gregor Schlierenzauer, der wie viele andere bekannte Sportlerinnen und Sportler ein eigenes Team gegründet hat, um noch mehr Leute zum Laufen für den guten Zweck zu motivieren. Als buchstäblich rasende Reporterin habe ich diese Chance genützt und Gregor einige Fragen gestellt.

Isabell: Gregor, treu nach dem Motto des Wings for Life Run läufst du heut insbesondere für deinen Freund, Simon Wallner, der im Rollstuhl sitzt. Dennoch is‘ der Simon ein sehr erfolgreicher Sportler, ihr trainierts  gemeinsam im Olympiazentrum in Tirol. Was kannst du dir vom Simon obschaun?

Gregor: „Dass er mit den Schwierigkeiten im Leben brutal gut umgeht und die kleinen Dinge sehr schätzt. Wo wir „Normalen“, die gehen können, scho a großes Drama draus machen, is‘ für Leute mit Behinderungen einfach lächerlich. Er gibt mir extrem viel, wenn ma in der Kraftkammer trainieren. Ma schaut rüber und siacht: “Scheiße, der is‘ im Rollstuhl. Wie gut geht’s mir eigentlich?“

Isabell: „Du siehst dann quasi, dass du „Luxusprobleme“ hast“?

Gregor: „Stimmt, ja, is‘ so“.

Isabell: „Zurück zum Motto: Hast du selbst eines?“

Gregor: „Mhmm.. Unterschätze nie jemanden, der einen Schritt zurück geht, denn er könnte Anlauf nehmen.“

Isabell: „Tolles Sprichwort, da komm i gleich zum nächsten. Meine Mutter sogt immer: Neid muss ma sich hart erarbeiten. Wie siehst du des? Wie gehst du mit den Neidern um?“

Gregor: „Ja, Neid muss ma si wirklich erarbeiten. Es is‘ in der jetzigen Gesellschaft halt leider zu beobachten, eben durch Social Media, dass jeder seinen Senf dazugibt. Berechtigt. Damit muss ma umgehen lernen, des gehört dazu.“

Isabell: Die nächste Frage hob i scho unserem Außenminister, Sebastian Kurz, und vor ein paar Wochen einem Obdachlosen in der Gruft in Wien gestellt. Du bezeichnest Norwegen als deine zweite Heimat. Aber was genau bedeutet der Begriff „Heimat“ für di persönlich?“

Gregor: „Geborgenheit. Wohlfühlen. Wenn ma si wohlfühlt, hat ma das Gefühl ma is‘ zu Hause, ma hat seine eigenen vier Wände, wo ma so sein kann, wie ma is‘.“

Isabell: Und was muss ma in Norwegen unbedingt gesehen haben?“

Gregor:“ Oslo, Holmenkollen.“

Isabell:Haha ok, vielleicht komm i ja mal vorbei.
Du bist scho mit 16 in den Weltcup eingestiegen und hast dadurch a sehr viel andere Jugend erlebt, als der Durchschnittsteenager von heute. Würdest du sagen du host dei Jugend „verpasst“?“

Gregor:„Na, verpasst ned, aber anders gelebt. Es is‘ sehr schön, wenn man in jungen Jahren die Welt bereist, Geld verdient, Erfahrungen sammelt. Aber was jetzt der „normale“ Jugendliche darunter versteht- zu Hause mit Freunden, trinken, Grenzen ausloten, Freundinnen. Des hob i anders erfoahn, wo i aber jetzt sog: ja, es war anders, aber es war guad. Die Erfahrungen kann mir niemand nehmen und umgekehrt ah ned. Darum gibt’s kein richtig oder falsch, sondern nur Erfahrungen im Leben.“

Isabell:„Wenn jetzt vor dir so ein 16 -Jähriger stehen würd, voller Elan und sagt er will Spitzensportler werden, welchen Rat hast du für ihn?“

Gregor: „Dass er si selbst immer treu bleiben soll. Dass er wie er des Bild im Kopf hat beinhart verfolgen soll, egal, was andere sagen. Dass Fleiß a große Rolle spielt. Und dass die Folge daraus Erfolg sein kann. Aber, dass das Wichtigste nach wie vor is‘, Freude und Spaß zu haben an all den Dingen, dass sie Liebe und Energie geben.“

Isabell:„ Du warst erst bei Willkommen Österreich, Schlagwort: „Es knistert“. Was fällt dir persönlich dazu ein?“

Gregor:  (lacht) „Es knistert- gaunz ehrlich: den ersten Moment mit „es knistert“ verbind i mit verliebt sein. Mit an intensivem Gänsehautmoment an der Schanze. Mit Temperaturen weit unter minus 20°C. Wenn ma raus geht ausm Hotel und ma tappt  im Schnee und es knischtert, daunn is‘ wirklich kalt. Dann waß ma: Oha, heut braucht ma a launge Unterhosn.“

Isabell:„(Lacht) Stichwort Ernährung: Wos host du heut zum Frühstück gegessen, wie bereitest di du für den Lauf vor? Da gibt’s ja die verschiedensten Theorien.

 (Gregor und sein Pressesprecher, David Obererlacher, lachen.)

David: „Der Gregor wird heut keine 40 Kilometer laufen.“

Gregor: „Als Schispringer ist laufen eher a bissl kontraproduktiv. Aber es ist schön, weil’s heute einfach um einen geilen Zweck geht. Was i heut früh gegessen hob- Frühstück is die wichtigste Mahlzeit des Tages. I versuch mi glutenfrei zu ernähren, weil des fia mi anfoch besser is. Glutenfreies Brot, Müsli, Schinken, Ei, Käse, Gemüse, Tee, Kaffee.“

Isabell:Du host unter deinen Postings immer wieder „step by step“  stehen. Sprich ma soll sich immer wieder kleine Ziele setzen. Host du für heut ein Ziel, abgesehen von den 40 Kilometern, was willst du am Ende des heutigen Tages mitnehmen?“

Gregor: (lacht) „Positive Emotionen und dadurch wieder Kraft und neue Energie. Wenn i am Abend zurückfliege noch Innschbruck und dem Simon in de Augen schau und sog: „Boah, wor a geiler Tag heut“, dann ist egal, wie viele Kilometer ma gesprungen is‘.“

Isabell:„Gelaufen“

Gregor: „Ahhjo, gelaufen.“ (lacht)

Wir setzen das Interview am Weg zum Rathausplatz fort, Interview-to-go also.

Isabell: „Was willst du deinen Teammitgliedern vor dem Start nu mit auf den Weg geben?“

Gregor: „Dass es großartig ist, dass i unter meinem Namen starten kann und ah nu andere motivieren kann. Es is‘ a toller Lauf und a genialer Hintergrund. Genießt’s as. Jeden Schritt. Weil ihr laufen könnts.“

Als wir uns um halb zwölf zum Teamfoto wieder sehen, treffe ich auch auf Simon Wallner. Ich nutze die Gunst der Stunde und stelle auch ihm eine Frage.

Isabell:„Was bedeutet der Wings for Life Run für dich?“

Simon: „Es ist einfach unglaublich, dass hier so vü Leute aus demselben Grund zusammenkommen, dass soviele bereit san zu spenden und zu unterstützen. Dass einfach die Hoffnung weiterleben kann, dass Querschnittslähmung heilbar wird.“

Eineinhalb Stunden später fällt der Startschuss. Wir laufen los. Wir rollen los. Alle gemeinsam.

Schon nach 5 Kilometern bereue ich es, eine lange Hose angezogen zu haben. Sonne und schwarz ist dann doch keine so gute Kombi. Bei der ersten Labstation denke ich ans Aufgeben. Mir ist viel zu heiß. Im Lautsprecher höre ich, dass die Läufer in Dubai Temperaturen von 39°C strotzen. Luxusprobleme hab ich. Ich lasse mich von der Masse mitreißen und irgendwann wird der Wind kühler und ich vergesse die Hitze. Und dann fängt es an zu regnen. Erlösung. Das Wasser prasselt auf die Straßen, an den Ecken ertönt Musik und die Leute am Gehsteig rufen uns zu. Aber wenn man aufmerksam ist, dann hört man ihn. Neben dem Geräuschpegel und den hastigen Luftschnappern. Den Preis. Die Nichtselbstverständlichkeit. Die Schritte. Das Abfedern am Asphalt. Das Laufen können.

Als mich das Catcher Car einholt, zeigt meine Pulsuhr 29.124 Schritte. 29.124 mal laufen können. 29.124 mal laufen dürfen, 29.124 mal laufen wollen. Für mich und für alle, die es eben nicht können. Damit es eines Tages doch wieder so sein kann.

Mehr Infos zum Wings for Life World Run:
www.wingsforlifeworldrun.com

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 16.03.2019 bearbeitet.

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