Regenbogenparade 2017 – Warum soll der Mensch denn nicht glücklich sein?

Kultur & Events
Lena Leibetseder / 04.07.2017
Theresa Rauch / 04.07.2017
(c) Lena Leibetseder

„Im ersten Artikel der Menschenrechte heißt es alle Menschen sind gleich und frei an Rechten – und genau das müss ma auch leben. Warum heißt es Homo-Ehe? Ich geh ja auch nicht zum Homo-Schwimmen oder zum Homo-Einkaufen!“, sagt Christian Kern und fasst somit die Gedanken der rund 185.000 TeilnehmerInnen der Regenbogenparade, die nun zum 22. Mal „andersrum“, also gegen die Fahrtrichtung um den Wiener Ring ziehen, in Worte. Er hält schon zum zweiten Mal als Bundeskanzler bei der Pride Parade eine Rede und erntet erneut jubelnde Zustimmung.

Einmal im Jahr wird die Wiener Ringstraße von einer unglaublich diversen, bunten Menschenmenge bevölkert, die ausgelassen in exzentrischen Kostümen zu lauter Musik feiert, um die Unterstützung der LGBTQ-Community öffentlich zu zeigen. Neben Großvätern in regenbogenfarbenen Unterhosen tanzen junge Menschen in Schuhen, deren Absätze fast höher als der Stephansdom sind. Zwischen den Feierwütigen, Fröhlichen, Farbenfrohen versuchen sich ab und an grantige WienerInnen zu drängen, denen es zuwider ist, dass der Ring nun schon zum siebenunddreißigtausendsten Mal in diesem Jahr gesperrt ist, aber auch sie kommen nicht umhin ob der schieren Euphorie der TeilnehmerInnen zu lächeln und einen Moment innezuhalten, um die Atmosphäre zu genießen.

Sogar ein Trio älterer Damen, das zusammen 238 Jahre alt ist, nimmt an der Parade teil. Auf die Frage, warum sie die Ehe für alle unterstützen, stellen sie eine zeitlose Gegenfrage in den Raum. „Warum soll denn der Mensch nicht glücklich sein?“

 

(c) Lena Leibetseder

Khusen Khaydarov in der Mitte designt die Flügel selbst

 

Obwohl großer Wert auf gute Laune gelegt wird, ist dennoch eine Aversion gegen gewisse Politiker spürbar. Während mit den NEOS, der SPÖ und den Grünen gefeiert wird, sind vor allem Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache die unsichtbaren Elefanten im Raum. In ihren Ansprachen bei der Schlusskundgebung machen Ulrike Lunacek und Matthias Strolz subtile, kurze Wortspiele wie „Ehe für alle – kurz und bündig!“, aber viele TeilnehmerInnen sprechen ihre Wünsche auch konkret an, so wie der 17-Jährige Markus aus Wien. „Die Regierung soll vorausdenken und die Gleichberechtigung möglichst schnell auch gesetzlich verankern. Alles andere wäre peinlich.“

 

(c) Lena Leibetseder

 

Réka und Tamas aus Ungarn finden vor allem die Ausdehnung des dichotomen Geschlechterkonstrukts interessant, das auf der Regenbogenparade gelebt wird. „Wir wünschen uns, dass die Grenzen zwischen den Geschlechtern weiter abgebaut werden. Das ist hier in Österreich zwar auch noch nicht realisiert, aber zumindest schon weiter als bei uns in Ungarn.“

Denn mit der Geburt in eine sich an Rollen orientierende Gesellschaft wie unsere, wird neben rosafarbenen Kleidern und blitzblauen Schuhen noch etwas Anderes verliehen: eine Rolle.
Eine Rolle, die uns einen Platz in der Gesellschaft zuweist, unsere Rechte und Pflichten definiert. Diese gibt es in zwei Ausführungen: Mann und Frau. Krawatte und Mascara. Werkstatt und Küche. Blau und Rosa. Schwarz und weiß.

 

(c) Lena Leibetseder

 

Doch es existiert eine Grauzone, eine Lilazone, möchte man fast sagen, denn aus Schubladen kann man ausbrechen. Als Paradebeispiel dafür dienen Frauen wie Tamara Mascara: Drag Queen, DJane, Burlesque Dancer und mehr. Ebengenannte moderierte dieses Jahr einen Abend lang das Regenbogen-Spektakel auf der Hauptbühne im Vienna Pride Village – ein eigens errichtetes, kunterbuntes Dorf am Rathausplatz, in dem politische Parteien, Unternehmen und Vereine während der Pride Week ihre Zugehörigkeit zur LGBTQ+ Community ausdrückten und feierten.

Tamara Mascara hält, was ihr Name verspricht. Als Drag Queen tritt sie der Gender-Konformität entgegen. Mit Glanz und Stolz dehnt sie diese aus, lässt deren Nähte platzen. Während sie das tut, sieht sie auch noch unverschämt gut aus und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass sich nicht jede*r in seinem oder ihrem biologischen Geschlecht wohlfühlt. In einer solchen Situation befinden sich mehr Menschen als die Allgemeinheit annimmt und vor allem ernst nehmen möchte. Präzise Angaben zur effektiven Zahl von transsexuellen Menschen sind aufgrund der hohen Dunkelziffer allerdings nur schwer feststellbar.

Dies kann auf die zunehmende Polarisierung der Geschlechter zurückgeführt werden, wie in zahlreichen oben angeführten Metaphern illustriert wurde. Eine strikte Trennung und Definition von Weiblich- und Männlichkeit vermittelt bei persönlicher Non-Konformität schnell das Gefühl, keine richtige Frau, kein richtiger Mann zu sein. Daraus resultiert neben der Frage nach der Geschlechteridentität auch enormer intrapersoneller Druck und Selbstkonflikt. Durch das Lockern, das Aufbrechen von Geschlechterrollen soll diesem entgegengewirkt werden. Ziel wäre die Eliminierung von einschränkenden, diskriminierenden Erwartungen bezüglich des biologischen Geschlechts.

 

(c) Lena Leibetseder

 

Neben geouteten LehrerInnen, den jungen Grünen Andersrum und der ÖBB tanzen auf der Vienna Pride also auch Menschen, die sich vor einer solchen Polarisierung von „Männlein und Weiblein“ – wie Oma es nennen würde – quer stellen. Damit beweisen sie, dass eine restriktive Norm, die uns mit der Feststellung unseres Geschlechts am Tage der Geburt auferlegt wird, nicht endgültig ist, dass damit gespielt werden darf und soll.

 

(c) Lena Leibetseder

 

Weiterführende Links:

www.facebook.com/TamaraMascara

https://viennapride.at

 

Literaturempfehlung:

„Girls Will Be Girls“ von Emer O’Toole

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 15.10.2019 bearbeitet.

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