Traumstudium Medizin

Wissen
Anna Morandini / 27.06.2018
Arzt

Realistische Einblicke: Zwei Studentinnen über falsche Erwartungen, Tipps für den Aufnahmetest und ein gezügeltes Feierleben

Kaum ein Studium mit größerem Andrang. Das klare Berufsbild gepaart mit hohem Ansehen, ausgezeichneten wie gutbezahlten Jobchancen und hohem Prestige oder der Wunsch Menschen zu helfen – für viele junge Studieninteressierte ist Medizin die klare erste Wahl. Das obwohl sich MedAT zur Furchtphrase einer ganzen Generation entwickelt hat. Oft neben der Maturavorbereitung oder einem einstweiligen (nicht Wunsch-) Studium kämpfen Tausende um einen Platz an den österreichischen Medizinischen Universitäten. Denn das Kürzel MedAT steht für den gemeinsamen Aufnahmetest der Medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck sowie der Medizinischen Fakultät der JKU Linz. Für den heurigen Aufnahmetest gab es insgesamt 15.880 Anmeldungen - bei 1.680 Plätzen wird also wieder einmal nur knapp über jede(r) Zehnte den angestrebten Studienplatz erreichen. Sollte man sich den Test überhaupt antun? Welche Voraussetzungen sollte ein(e) MedizinstudentIn mitbringen? Und was genau lernt man eigentlich in diesem Studium? Christina und Lena* (beide 20), Studentinnen der Medizinischen Universität Graz, geben einen Blick hinter die Kulissen des gehypten Studiums.

Warum gilt der Aufnahmetest als so schwierig und sollte man sich davon abschrecken lassen? Habt ihr Tipps dafür?

Lena: Der Aufnahmetest ist schwierig, weil sich sehr viele Leute auf wenige Plätze bewerben. Man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, weil man ihn mit viel Üben schaffen kann. Dementsprechender Tipp: einfach früh beginnen!

Christina: Der Test ist inhaltlich eigentlich nicht so schwierig, aber der Lernstoff ist sehr umfangreich. Abschrecken lassen sollte man sich davon gar nicht - wenn einen dieses Studium interessiert, dann ist er auch machbar. Man muss nur früh genug und ausreichend viel lernen.
Ein Tipp von mir wäre, sich einfach gut und früh darauf vorzubereiten - mit genügend Unterlagen. Und sich wirklich darauf zu konzentrieren. In den Fächern, die in dem Test abgefragt werden, zu maturieren, könnte vielleicht auch weiterhelfen.

Worum geht es in eurem Studium inhaltlich wirklich? Was lernt man – und was nicht?

Christina: Anfangs lernt man wirklich die Basics, sprich wie sind Organismen aufgebaut und wie funktioniert der Körper. In den ersten beiden Semestern hat man sehr viel naturwissenschaftliches (Biochemie, Physik,...). Das ist zwar vermutlich notwendig, um den Körper zu verstehen, aber für mich nicht gerade das Interessanteste.

Lena: Das Studium ist in drei Abschnitte geteilt: die Vorklinik, die Klinik und das praktische Jahr. Ich befinde mich im Moment in der Vorklinik. Dabei geht es vor allem darum, Grundlagen zu lernen. Es ist sehr theoretisch. Wir lernen im Moment auch viel Physik und Chemie, aber auch Anatomie, Zellbiologie und Biochemie (medizinisch ein bisschen relevanter). Viel mit Patienten haben wir vorerst nicht zu tun, das kommt erst später in der Klinik.

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Welche falschen Erwartungen könnt ihr hier zerstreuen?

Christina: Auf alle Fälle falsch ist die Erwartung, dass man ab dem Studium nur mehr das lernt, was einen interessiert. Denn im ersten Semester war mein Interesse eher weniger vorhanden.
Aber das wird mit der Zeit besser, jetzt - im 2. Semester - ist es wirklich super spannend. Man seziert zum ersten Mal und das ist wirklich sehr aufregend.

Lena: Die Erwartung „jetzt studiere ich und kann mir selbst aussuchen, wann ich welche Lehrveranstaltung mache und habe viel Freizeit“ geht beim Medizinstudium in Graz nicht in Erfüllung. Man bekommt einen fertigen Stundenplan, kann sich also nicht selber einteilen, wann man was macht und mit wem man gerne in einer Praktikumsgruppe sein will. Man hat fast jeden Tag Anwesenheitspflicht. Der Stundenplan ist jede Woche anders – das macht es schwer irgendwelche regelmäßigen Freizeitaktivitäten zu planen.

Was ist gut an eurem Studium, was nicht so toll?

Lena: Gut ist, dass wir viel Praxis in kleinen Gruppen haben. Schlecht sind nur wenige kleine Dinge, wie zum Beispiel manchmal die Inflexibilität Kurse oder Übungen zu tauschen, wenn man keine Zeit hat.

Christina: Ich finde an dem Studium gut, dass wir in den Übungen immer in verschiedene Seminargruppen eingeteilt sind und man somit sehr viele neue Leute kennenlernt. Auch gut finde ich, dass wir einige Prüfungen mündlich absolvieren müssen. Das ist meiner Meinung nach wichtig für das spätere Berufsleben ist, da wir dann auch sehr viel sprechen müssen.
Nicht so gut ist meiner Meinung nach, dass wir in den ersten beiden Jahren einen fixen Stundenplan bekommen. Natürlich verstehe ich, dass es notwendig ist, da wir Sezierkurse und anderes haben und das sonst in einem Chaos enden würde. Doch ich glaube, dass viele Studierende später Probleme haben werden, wenn sie alles selbst organisieren müssen.

Was sollte man mitbringen? Wann sollte man eher ein anderes Studium wählen?

Christina: Man sollte, auch wenn es nur die ersten Jahre betrifft, ein gewisses Grundverständnis für Naturwissenschaften mitbringen. Sonst hat man anfangs wirklich Probleme, da diese Fächer sehr zahlreich sind.
Falls man kein Blut sehen kann oder keinen strikten und sehr kompakten Stundenplan haben möchte und das „Studentenleben“ in vollen Zügen genießen möchte, sollte man sich das mit Medizin noch mal überlegen.

Lena: Die Bereitschaft viel auswendig zu lernen, ist am Anfang genauso wichtig wie die Fähigkeit Zusammenhänge zu verstehen. Natürlich muss man zum Beispiel in Anatomie Zusammenhänge verstehen können, die lateinischen Begriffe muss man aber einfach auswendig lernen. Ich habe einmal gehört, dass man 8000 lateinische Begriffe für Anatomie lernen muss.

Wann sollte ich einen anderen Beruf wählen? Das hört sich vielleicht blöd an, aber man sollte sich vorher darüber im Klaren sein, dass man als Arzt / Ärztin mit Menschen, vor allem kranken, arbeitet. In der zweiten Woche macht man bereits das erste Praktikum auf der Station und einige Studierende begreifen erst zu diesem Zeitpunkt, was sie in ihrem späteren Leben erwartet. Ich kenne sogar jemanden, der nach diesem Praktikum das Studium gewechselt hat.

Wie schätzt ihr Berufschancen und Bezahlung in der Branche ein?

Christina: Ich glaube, dass MedizinerInnen immer gefragt sein werden, da es in diesem Beruf einfach um die Gesundheit des Menschen geht. Hier wäre es nicht möglich, dass alles Maschinen übernehmen.
Das Gehalt ist abhängig von dem Bereich, auf den man sich spezialisiert. Doch ich glaube, dass der Arztberuf allgemein kein schlecht bezahlter Beruf ist.

Lena: Nachdem Österreich auf einen immer größeren Ärztemangel zusteuert, glaube ich als Ärztin gute Jobchancen zu haben.

Was hättet ihr gerne vor eurem Studium darüber gewusst? Und habt ihr Tipps?

Christina: Da ich davor mit Chemie ein anderes Studium belegt habe, hätte ich gerne gewusst, dass man sich gewisse Fächer anrechnen lassen kann - dann hätte ich mir vielleicht jetzt einiges erspart.
Also wäre mein Tipp, falls man den Aufnahmetest beim ersten Mal nicht schafft und währenddessen ein anderes Studium wählt, etwas zu wählen, das einen interessiert. Dieses Studium sollte man dann auch nicht zu sehr vernachlässigen und nicht nur Wahlfächer machen, denn wenn alles gut geht, kann man sich Fächer anrechnen lassen.

Lena: Da ich viele Freunde habe, die in höheren Semestern sind, hab ich vorher schon viel gewusst. Das ist auch ein guter Tipp - sich bei Höhersemestrigen zu erkundigen, weil man von denen immer nützliche Tipps bekommt (z.B. wer ist der beste Prüfer, ...)

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Sollte man noch auf irgendetwas besonderes achten?

Lena: Das Schöne daran einen fertigen Stundenplan von der Uni zu bekommen, ist, dass man sich keinen Kopf machen muss, ob man sich für alle Lehrveranstaltungen angemeldet hat oder nicht. Man ist automatisch zu allen Praktika und allem anderen angemeldet. Allerdings muss man sich [Anm.: in Graz] ab dem 5. Semester den Stundenplan selbst machen.

Bis zum Ende des Studiums muss man 22 ECTS (Anm.: European Credit Transfer Punkte – die Währung der Studierenden: 360 ECTS-Punkte führen zum Doktor) durch Wahlfächer erreichen. Da gibt es aber echt coole Wahlfächer, wie die Mithilfe beim Teddybärenkrankenhaus. Hier verarztet man mit Kindergartenkindern gemeinsam ihre Kuscheltiere, damit sie ihre Angst vor ÄrztInnen verlieren.

Außerdem muss man in den Ferien insgesamt 12 Wochen im Krankenhaus famulieren, also Praktika machen. Das kann man sowohl in heimischen Krankenhäusern als auch im Ausland machen. Eine meiner Freundinnen war letzten Sommer zum Beispiel in Indien.

Christina: Wahlfächer hat dieses Studium mit 22 ECTS recht wenige - also falls man davor etwas anderes studiert, kann man sich diese Fächer natürlich alle anrechnen lassen. Das spart Zeit.
Praktika sind sowieso vorgeschrieben: 12 Wochen Pflichtpraktika, die man in Krankenhäusern und Praxen absolvieren muss.
Falls man ein Auslandssemester machen möchte, empfehle ich, dieses erst nach den ersten beiden Jahren zu machen, da diese sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie viel Zeit investiert einE StudierendEr eurer Studienrichtung insgesamt pro Woche? Wie viele Semester braucht man realistisch gesehen für das Studium?

Christina: Die Frage kann man so nicht direkt beantworten, da unser Stundenplan von Woche zu Woche variiert. Es kann also sein, dass man in einer Woche totalen Lernstress mit bis zu 10 Stunden lernen pro Tag hat. Und es gibt Wochen wo 3 Stunden pro Tag auch ausreichend sind.
Normalerweise besteht dieses Studium aus 12 Semestern - jedoch habe ich gelesen, dass 13 Semester der Durchschnitt sind.

Lena: Am Ende der Vorklinik schreibt man zwei Pathologieprüfungen (die größten Prüfungen der Vorklinik) - wenn man diese und alle anderen Prüfungen des ersten Abschnittes in Mindestzeit schafft, ist es realistisch, das ganze Studium in Mindestzeit (12 Semester) zu absolvieren. Danach darf man aber immer noch nicht selbstständig arbeiten, sondern muss im Krankenhaus entweder eine dreijährige Turnusausbildung oder eine sechsjährige Facharztausbildung machen. Da bekommt man aber schon gezahlt.

Wie viele Stunden pro Woche man investieren muss, hängt stark von deiner Lerngeschwindigkeit ab. Etwa 30 Stunden dauern im Durchschnitt die Lehrveranstaltungen inklusive den nicht anwesenheitspflichtigen Vorlesungen. Dazu kommt das Lernen zu Hause, das auch viel Zeit in Anspruch nimmt. Das sind nochmal einige Stunden.

Warum würdet ihr euer Studium insgesamt (nicht) weiterempfehlen?

Lena: Obwohl es sehr zeitintensiv ist, bin ich sehr glücklich mit der Wahl meines Studiums. Ich kann es durchaus weiterempfehlen. Ich würde aber jedem raten, vorher ein Praktikum im Krankenhaus, bei irgendeinem Arzt, bei der Rettung oder sonst wo zu machen - damit man weiß, auf was man sich einlässt und sich nicht umsonst den Aufnahmetest macht.

Christina: Wenn man sich mit dem Menschen beschäftigen möchte und helfen möchte, ist dieses Studium eine gute Wahl.
Natürlich sollte man auch keine Scheu vor dem Sezieren haben, das wäre etwas problematisch.
Nicht empfehlen würde ich es Leuten, die locker durch dieses Studium kommen wollen und es nicht ernst nehmen, da es hier doch um Menschenleben geht.

 

* Name geändert

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 16.09.2019 bearbeitet.

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