Tulpenduft. Niemals vergessen.

Politik
Anna Lena Bramreiter / 09.11.2018
niemals vergessen

Seine weichen, faltigen Hände umschlingen mein Handgelenk.

-Komm doch einmal mit.

-Wohin?

Ohne eine Antwort zieht er mich ans andere Ende des Gartens.

-Riechst du das?

-Was?

Er drückt mir etwas in die Hand.

-Tulpen, das waren die Lieblingsblumen deiner Großmutter.

Ich rieche an der Blume und niese.

In seinen matten, blauen Augen erkenne ich, dass er in Erinnerungen schwelgt. Er lässt endlich mein Handgelenk los, holt tief Luft. Ich erwarte die eine Geschichte.

Doch keine Geschichte heute. Gedankenverloren wandelt er langsamen Schrittes zurück zum Blumenbeet. Langsam lasse ich mich in grünen, holzigen Gartenstuhl fallen.

Die Lieblingsblumen der Großmutter waren Tulpen. Ihr Vater hatte in Graz ein Blumengeschäft, direkt am Glacis, und die Kunden kamen von weit her, um diese Blumen für große und festliche Anlässe zu kaufen. Reich war die Familie deswegen nicht, aber der Vater meiner Großmutter konnte all seinen Kindern eine gute Ausbildung finanzieren. Auf das war er stolz. Wenn Großmutter Kummer hatte, bekam sie von ihrem Vater immer eine Tulpe geschenkt. Ein Wundermittel für Großmutter: Nahm sie die Tulpe in die Hand, verschwanden jeglicher Schmerz und alle Sorgen.

Sind Sie der Inhaber dieses Geschäftes, wurde Großmutters Vater an einem regnerischen Frühlingstag gefragt. Ja, antwortete dieser.

Großmutters Tulpen landeten auf einem Karren. Nahe der Mur sollten sie mit anderen Besitztümer verbrannt werden.

-Was soll ich mit dem Stern?

- Du bist ein Jud‘, trag des halt.

Großmutter trug den gelben Stern mit Fassung. Sie ertrug die Spucke vor ihren Füßen, die Beschimpfung auf der Straße und die Gewaltandrohung.

Nach ihrem Vornamen stand nun Sarah, genauso wie bei ihrer Schwester und Mutter. Sie gingen nicht mehr ins Kino, sondern blieben in ihrer Wohnung. Fortan stand immer ein Strauß Tulpen am Tisch. Es roch süßlich. Die gute Laune wollte nicht wiederkommen.

Nach der Zugfahrt übergab sich Großmutter mehrmals. Beim zweiten Mal kam nur  Magenflüssigkeit. Großmutter brach zusammen und kam erst wieder zur Besinnung, als ihr Vater sie hochzog. Torkelnd ging sie zu den anderen Frauen. Urin, Erbrochenes, Schweiß. Sie hielt sich die Nase zu.

-Name?

- Esther.

-Rechts.

Großmutter sah, dass ihr Vater links gehen musste. Sie schrie. Ihr gesamter Körper verkrampfte sich.

Die Glieder schmerzten. Leben oder Tod? Esther wusste weder von dem einen noch dem anderen wie es sich anfühlt. Es roch nach Angst. Mütter und Kinder weinten jeden Tag. Je mehr Tränen vergossen wurden, desto lauter lachten die Wachen. Je mehr geschrien wurde, desto härter wurde geschlagen. Je mehr man protestierte, desto eher musste links einordnen. Esther machte sich hier kleiner als sie war, sie wollte nicht wahrgenommen werden. Sie gehörte keinem Clan hier an und führte keine Gespräche. Das letzte hatte sie mit ihrer Mutter geführt.

Esther hob Löcher aus. Zahllose, Schwung nehmen, reinstechen, rausheben, wegwerfen. Tagein, tagaus. Schreie ignorieren. Niemandem helfen, nur sich selber. Kranke ignorieren, Tote nicht mehr erwähnen. Das nächste Loch graben.

-Aufstellen.

Esther muss rechts, ihre Mutter links. Esther schreit. Sie schreit die Nacht durch. Die Stimme der Mutter verstummte.

-Rein mit dir.

Wieder eine Zugfahrt. Eingepfercht, nur Kauern ist in diesem Waggon möglich. Esther übergibt sich kein einziges Mal. Ihre Wangen sind eingefallen. Ihre Nägel verschwunden. Die Erde hat die Nägel aufgelöst. Wenn sie etwas zu Essen bekam, kam der Durchfall. Es schien als würde ihr Körper schreien „Ich bin fertig.“ Gestern, heute, morgen, der Kopf kannte kein Zeitgefühl mehr. Sie wollte gehen, wie Vater, Mutter und Schwester gegangen waren. Esther hob weiter Löcher aus. Schwung nehmen, reinstechen, rausheben, wegwerfen. Es begann zu schneien. Bei der Flucht in die Gebäude blieb Esther an einem Zaun hängen. „Ich bin fertig. Fertig für gestern, für heute, für morgen.“

Bedacht strich sie über die Narben an ihrem linken Bein. Die rechte Schulter tat nach wie vor weh. Die jahrelange schwere Arbeit im Lager hatten Esthers Körper gezeichnet. An regnerischen Frühlingstagen kam es ihr vor, als würden der Schmerz in den Narben noch intensiver werden. „Hört auf“, schrie sie dann. Hört doch endlich auf! Der Schmerz lachte sie aus und kroch aufwärts zu ihrer Schläfe. Es mussten Wespen sein, die sich in ihren Kopf eingenistet hatten und nun ihre Gefangenschaft begriffen. Sie glitt auf den Boden des Gehsteigs und kauerte sich an eine Wand.

-Alles in Ordnung?

-Warten Sie, ich helfe Ihnen auf. Wie lange liegen Sie schon hier?

-Hier ich habe Ihnen ein Wasser geholt. Setzen Sie sich. Geht es wieder?

Esther blickte in blitzende blaue Augen. Ihre Nasenflügel öffneten sich.

-Warum riechen Sie nach Tulpen?

Ich erhebe mich aus dem grünen, holzigen Gartenstuhl und strecke meinen Kopf Richtung Sonne. Ich schließe die Augen. Eine Wespe fliegt an meinen Kopf vorbei. Meine Schläfe beginnt zu schmerzen. Schritte nähern sich.

-Habe ich dir je erzählt, wie ich deine Großmutter Esther kennengelernt habe?“

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 23.04.2019 bearbeitet.

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