Ungarisch in 4 Wochen: Mythos oder Möglichkeit?

Wissen
Fridolin Blasl / 24.09.2018
Wörterbuch

Welche Risiken und Chancen neue Lern-Apps bergen und warum sich hinter manchen Versprechen mehr Schein als Sein verbirgt.

Bling. Mein Handy ermahnt mich freundlich, aber bestimmt: Es ist Zeit für deine tägliche Ungarisch-Lektion. Streak: 210 Tage. Jeden Tag erscheint die grüne Duolingo-Eule auf meinem Bildschirm, um mich fürsorglich meiner Pflichten zu gemahnen, seit 2 Jahren mittlerweile. Genauso lange läuft auch schon mein Experiment, über die amerikanische App Duolingo, Ungarisch zu lernen, mehr oder minder erfolgreich. Duolingo gilt aktuell als eine der beliebtesten Apps, um Sprachen zu lernen, mit 200 Millionen Nutzern und einem großen Angebot an Sprachen, sowohl reale als auch konstruierte, wie Valyrisch (Game of Thrones), oder Klingonisch (Star Trek). In 4 Wochen in einer Fremdsprache mitreden? Verlockend.

Im Zuge meines Experiments warf ich mein prüfendes Auge auf mehr als 10 dieser Kurse und stellte dabei vor allem eines fest: Auf Duolingo wird der kalte Krieg der Suggestion geführt.

Beim Italienisch-Kurs beispielsweise, wird den NutzerInnen mit minimalen Kenntnissen, im Einstufungstest eine Language-Fluency von unverschämten 35% (= Ein Jahr Schul-Italienisch) unterstellt. Der Koreanisch-Kurs sowie der Japanisch-Kurs stellten sich für Lernende ohne Vorkenntnisse im Alphabet als nicht erlernbar heraus, selbst mit Vorwissen war der Schwierigkeitsgrad eklatant zu hoch.

Dementsprechend suggerierte mir die Prozent-Anzeige über dem Ungarisch-Kurs nach kurzer Zeit Zweistelliges, wobei selbst mit meinem aktuellen Wissensstand keine philosophischen Diskurse auf Magyarul (Ungarisch) möglich sind.

Bestellen, Höflichkeiten, oder Infos austauschen? Igen (Ja).

Gespräche in schnellerer Geschwindigkeit mit Alltagsbezug führen? Sajnos nem. (Leider nein)

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Aber warum?

Dafür lassen sich diverse Gründe ausmachen: Es mag daran liegen, dass Ungarisch als finno-ugrische Sprache, eine komplexere Struktur als die meisten indo-germanischen Sprachen besitzt. Dennoch liegt die Lösung dessen zum Großteil in der Duolingo-Methodik, die sich zum Teil etwas sinnfrei gestaltet.

Beispiele? Duolingo arbeitet wie ein Karteikarten-System, das die nicht-gewussten Vokabeln vorreiht, und die Lernenden damit zum Wiederholen zwingt. Anfangs reproduziert man die vorgegebenen Grußphrasen, bis die ersten Sätze anrücken: Die werden entweder nach dem Multiple-Choice-Prinzip abgefragt, was zum fröhlichen Raten animiert, da man mit 33-prozentiger Chance ja die eine Richtige von 3 Übersetzungen wählt. Ganz selten muss man Gehörtes wiedergeben. An sich eine gute Idee, nur leider schwankt der Schwierigkeitsgrad von der Stratosphäre bis zum Erdkern, gute Übung sieht anders aus. Dies lässt sich ganz leicht überprüfen, indem man eine Konversation mit Native Speakers beginnt. Ganz schnell wird klar, dass die Duolingo-Ansage-Stimme um 300% zu langsam ist. Konkurrenzfähigkeit: Kein Kommentar.

Nichtsdestotrotz ist diese Lernmethode bei häufiger Benutzung sinnvoll, so erkennt man im Alltag, beispielsweise pályaudvár als Bahnhof. Im fortgeschrittenen Stadium traf ich auf folgenden richtungsweisenden Satz: A mongol ovónő a város fellett repül. = Der mongolische Kindergärtner fliegt über die Stadt. Rangiert von der Sinnhaftigkeit her, beim butterlosen Butterbrot. Besagter Satz war nicht der einzige dieser Art. Beim Esperanto-Kurs (Kunstsprache aus dem 19. Jh.) begegnet man zum Beispiel diesem hier:

Mi fartas bone, ĉar mi havas anason. = Ich bin glücklich, weil ich eine Ente habe.

Ja süß, aber Anwendung, bitte? Ein Hinweis zum Duolingo-Esperanto-Kurs: Die Autoren waren offenbar äußerst tierlieb, denn die meisten Vokabeln, die man lernt, gehören in die Kategorie „Zoo“, ganz objektiv.

Um nun Klarheit zu schaffen: Duolingo ist zum Phrasenlernen sehr gut geeignet, aber für weiterführenden Spracherwerb nicht ausreichend. Dies stellte ich bei meinem Irisch-Kurs fest: Er strotzte nur so vor Verben, die man einmal und dann nie wiedersah. Unmöglich sich diese bei einmaligem Hinsehen zu merken, geschweige denn, sie zu verwenden. Zeit mitzuschreiben, denn seit Duolingo sein System umgestellt hat und statt der Fluency-Anzeige ein Krönchen-Counter oberhalb des Kurses steht, ist die sprachliche Entwicklung dort recht intransparent. Also füllt sich ein Phrasen-Heft nach dem nächsten mit frischen neuen Verben.

 Nun kommt der absurdeste Teil der App: die Lingots.

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Dieser kryptische Begriff steht für die Duolingo-Online-Währung, mit welcher man im Shop einkaufen kann. Die Shopping-Tour ist schnell vorbei, wenn man sich alles durchgelesen hat. Duolingo zählt die Tage, an denen man übt mit und die jeweils erreichten Punkte, in den Übungen. Der Clou im Shop: Ein Streak-Freeze (= man kauft sich einen Tag „frei“), falls man einmal vergessen sollte, seine Pflicht zu tun. Erhältlich um 10 Lingots. Wie man die wiederum bekommt? Indem man die Lektionen der Reihe nach durchmacht und für jedes neue Level „abcasht“. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn man mal zu faul zum Üben ist und so wie gewisse Leute (= ich), um die 500 Lingots hat, kann man sich knappe 2 Monate vormachen, man wäre fleißig gewesen.

Schlussbotschaft: Ausprobieren und trotzdem Spaß haben!

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 15.02.2019 bearbeitet.

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