Wer sind wir, uns zu beschweren? Oder: Jammern und andere Privilegien

Leben
Andrea Ortner / 21.01.2019
Sprechblase

„Wie geht´s dir denn so?“ Aha, denkt sie, Standard.
„Ganz OK, die Uni bringt mich ein bisschen um“, sagt sie, denkt nicht lange nach, dann macht sie es doch und will sich gedanklich selbst eine runterhauen.
Die Uni bringt dich also um, hm? Die Inkohärenz zwischen dem, was sie tatsächlich denkt und dem So-leicht-dahin-Gesagtem schockiert. Wie verroht die Sprache teilweise doch ist.

Uni „tötet“ nicht, sie „bringt“ niemanden „um“.

Kriege tun das. Maschinengewehre und Bombenhagel, Tretminen und Selbstmordattentäter/innen.

Aber was weiß sie schon. Was weißt DU schon?

Zeitlebens auf der Butterseite des Lebens gelebt, eingenistet, ausgestattet mit Privilegien zum Abwinken, schon immer.

Krankheiten töten auch Menschen. Cholera und Ebola, Typhus und Zika-Virus, chronische Unterernährung. Sie ist übrigens verschnupft, diese verdammte erste Erkältungswelle des Jahres. Hunger hat sie, wenn sie vergisst einzukaufen, zu faul ist zu kochen. Hunger leiden musste sie noch nie.

Aber was weiß sie schon. Was wissen WIR schon?

Trauer. Trauer macht etwas mit Menschen. In einem Interview sagte Michail Gorbachev einmal, sein Leben endete, als seine Frau Raissa, die Liebe seines Lebens, starb.[1] Sie weinte an dieser Stelle des Interviews. Seine Augen – sie waren so voll, und doch leer. Sie weinte auch, als ihre Katze starb, die sie sehr sehr gern hatte. Was macht das aus mir? fragt sie sich.

Aber was weiß sie schon.

Uni tötet nicht. Aber es kann schon verdammt schwer sein. Für die, die nebenbei arbeiten müssen, weil es sich sonst am Monatsende nicht ausgeht; für die, denen Eltern nicht finanziell zur Seite stehen. Für die, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Aber was weiß sie schon. Wir wissen nichts.

Kann man Probleme gegeneinander aufwiegen? Oder zählt allein das Gefühl, der emotionale Zustand, die Art und Weise, wie sich etwas subjektiv anfühlt? Gibt es so etwas wie ein allgemeines „Recht, sich zu beklagen?“. Sie weiß es nicht. Aber der schale Nachgeschmack dieses gedanklichen Monologes bleibt; klebrig, bitter, Zähneputzen hilft hier nicht.

 

Ist dieser Gedankengang übertrieben? Ja, etwas vielleicht. Aber darum geht es gar nicht. Wir reden, ohne uns der Bedeutung und Tragweite unserer Worte bewusst zu sein; beschweren uns, ohne zu sehen, wie unglaublich gut es uns geht, ohne „the bigger picture“ zu betrachten.
Kann man mal entmutigt den Kopf hängen lassen? Ja. Sollte das zum Dauerzustand werden? Zur Standard-Antwort? Nein.

„Wie geht´s dir so?“ Aha, denkt sie nur.
„Eigentlich echt gut! Die Uni fordert mich sehr und zeigt mir der Öfteren meine physischen und psychischen Grenzen auf. Ich studiere aber ein interessantes Fach, wohne in einer guten Unterkunft, bin gesund und so auch meine Familie. Ich habe gute Freundinnen und Freunde… Sag, wir haben uns doch schon lange nicht mehr gesehen. Lass uns nach der Mathematik-Übung doch auf einen Kaffee gehen und über die wichtigen Dinge reden.“


 

[1] Herzog, Werner; Singer, André: „Meeting Gorbachev“, September 2018.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2019 bearbeitet.

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