Lava, Latifundien und Lustbarkeiten - Leben neben der schlafenden Bedrohung

Reisen
Fridolin Blasl / 08.01.2018
Tempel

Wie der neapolitanische Großraum neben dem gefährlichsten Vulkan der Welt dolce vita führt.

79 n.Chr.: Plinius der Ältere blickt von seinem Anwesen, vom Kap Misenum (äußerste Spitze des heutigen Golfs von Neapel) zum Vesuv und erblickt eine riesige Wolke, von selbigem aufsteigend. Wie eine Schirmpinie breitet sie sich kilometerhoch aus, der Himmel verdunkelt sich. Kleinere Erdbeben haben Pompeji und Teile der Umgebung den ganzen Tag hinweg begleitet und werden von den BewohnerInnen nicht ernst genommen. Bis es Steine regnet und die Sonne verschwindet und sehr große Brocken ungebeten den Weg durchs Hausdach finden. Die erste pyroklastische Wolke rollt den Berg hinab. Plinius jedoch versteht als passionierter Naturforscher den Ernst der Lage und ist wenig überrascht, als Eilboten von Pompeji, Oplontis und Stabiae (Anm.: Orte im Golf) mit schrecklichen Nachrichten eintreffen: Der Berg spuckt Feuer. Unfeiner Zug von ihm, denkt Plinius und befiehlt seiner Flotte Kurs auf den Vesuv zu nehmen und damit den Weg in den eigenen Untergang.

Einzig positiver Aspekt: Diese gewaltige Vulkanausbruchsform mit mehreren pyroklastischen Wolken wird den Namen des naturforschenden Zeitzeugen tragen: Plinianische Eruption.

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2017 n.Chr.: Ich stehe mit meiner Griechisch-Gruppe am Krater des Vesuvs mit Panoramablick auf den neapolitanischen Golf. Über uns ragt der Monte Somma auf, zum Golf hin zieht sich das Valle d´Inferno, dessen lautmalerischer Name nicht unbegründet gewählt wurde. Durch dieses Tal bahnte sich vor über 1900 Jahren die zerstörerische Glut ihren Weg zur Vernichtung. Der Vesuv schlummert sanft vor sich hin, ab und zu schnarcht er gelblich-schwefelige Rauchfahnen aus dem 500 m breiten und fast 300 m tiefen Schlund. Vulkanische Hyperaktivität ist aktuell schwer vorstellbar, dennoch: Die Chancen für einen neuen Ausbruch stehen wissenschaftlich gesehen recht gut, eigentlich hätte er schon längst passieren sollen, wenn man amerikanischen WissenschaftlerInnen glaubt. Das italienische Observatorium hingegen beruhigt und stellt dem Vesuv zwar keinen Totenschein aus, attestiert ihm aber eine tiefe Traumphase. Weniger traumhaft wird die Angelegenheit, wenn der Pfropfen, der den Krater seit der letzten subplinianischen (=nicht apokalyptisch, aber beachtlich) Explosion im Jahre 1631 (4000 Tote) verschließt, dem Korken einer Sektflasche nacheifert, bildlich gesprochen.

Vom Ballungsraum zum Alptraum.

Hinzu kommt, dass der neapolitanische Golf mittlerweile von über 3 Millionen Menschen bevölkert wird, mit steigender Tendenz. Dabei ist der Vesuv ausbruchstechnisch gesehen recht lange im Geschäft, ein seit fast 20.000 Jahren routinierter Killer: Bereits in der Bronzezeit löste er bei den dort heimischen JägerInnen und SammlerInnen Unbehagen und Fluchtwellen aus und verringerte deren Anzahl beträchtlich. Wie schon erwähnt, stieg er um 79 n.Chr mit der plinianischen Eruption wieder richtig ins vulkanische Business ein. Bis ins Mittelalter und darüber hinaus, war er ein konstanter Störfaktor und seine Aktivität ließ erst im 20.Jahrhundert nach (letzte Eruption 1944). Dennoch blieb man an diesem gefährlichen Ort sesshaft.

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Touristen, Taxis, Tand: Wie der Kommerz am Vesuv Einzug hält.

Doch warum siedelt man sich wider jegliche Vernunft in der „zona rossa“ (höchste Gefahrenzone, vergleichbar der eines AKWs) zu ganzen Ortschaften an? Ignoranz gegenüber der Geschichtsschreibung? Ein Blick auf die nahe Costa Amalfitana und Ortschaften wie Baiae (Nobelkurort der Antike), Cumae (berühmt für das Orakel der Sibylle von Cumae), oder das Leben in Neapel, genügt, um diese Fragen einigermaßen zu klären. Denn obwohl der Vulkan bei jedem Ausbruch die nähere Umgebung mit Magma vernichtet, verleiht er ihr dadurch eine große Fruchtbarkeit und macht eine landwirtschaftliche Nutzung erst möglich. Deswegen hat man den großen „Freund und Helfer“ stark kommerzialisiert: (Bus-)Parkplätze in Neapel und am Vesuv sind für Privatpersonen alles andere als erschwinglich, der Gruppenrabatt hält sich in Grenzen. Möchte man das Parkplatzproblem umgehen, muss man sich auf eine abenteuerliche Taxifahrt, mit andauernden Serpentinen und sehr hoher Geschwindigkeit in Steilkurven gefasst machen. Hinzu kommen die zahlreichen Andenkenstände, die eitlen Tand und kitschigen Unfug (kleine Vesuv-Modelle mit Spezialfunktionen) feilbieten.

Uraltes Erbe = Hinweis auf uralte Gefahr?

Unsere einzigen Zeitzeugen für diese Epoche bleiben nach wie vor die beiden Plinii (Vater und Sohn), die für die erste Dokumentation einer großen Naturkatastrophe verantwortlich sind, sowie die Ruinen Pompejis. Auch an dieser archäologisch und historisch wichtigen Stätte sollte der Rubel eigentlich rollen, vor allem im Tourismusbereich. Dennoch verfallen Italiens Zeugnisse vergangener Kulturen immer mehr, wie auch der Deutschlandrundfunk Kultur schon 2016 (22.03.,Tobias Migge) aufgezeigt hat. Immer wieder bietet sich uns ein Bild der Trauer: Touristen trampeln in antiken Tempeln frei herum, ver -und beschmutzen fast gänzlich erhaltene römischen Anwesen. EU-Gelder werden hier zu wenig oder falsch genutzt, und dies betrifft nicht nur Pompeji, sondern die ganze neapolitanische Altstadt. Nur an sehr wichtigen Orten wie der Villa Poppaea (Poppaea= Neros Ehefrau) in Oplontis wird gearbeitet und restauriert, möglicherweise nur zur Schau.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.06.2019 bearbeitet.

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